• Wiebke Salzmann

    freie Lektorin und Autorin

  • Text-Wirkerei

  • Wirken an Texten – Wirken von Texten

Das bleiche Mädchen

Eine Krimikarte aus der Text-Wirkerei

Die besondere Grußkarte mit dem besonderen Krimi – inspiriert durch Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern.

– Die Sage „Das bleiche Mädchen“
– Die Marienkirche in Rostock
– Leseprobe aus dem Krimi „Das bleiche Mädchen“

Die Krimikarte „Das bleiche Mädchen“

Die Krimikarte ist eine 6-seitige Klappkarte, in deren Innerem sich ein Heft mit einem Kurzkrimi befindet – der einen Bezug zu einer Sage aus Mecklenburg-Vorpommern hat. Die Originalsage befindet sich auf der Rückseite der Karte (und im nächsten Textabschnitt dieser Webseite).
Genaueres zur Krimikarte gibt es hier: Krimi-Karte.

Die Krimis spielen an fiktiven Orten in einer fiktiven Gegend an der Ostseeküste. Die Sagen gehören natürlich zu realen Stätten – so trug sich die Sage vom bleichen Mädchen in der Marienkirche in Rostock zu.

Titel der Krimikarte

Krimikarte „ Das bleiche Mädchen“

Klappkarte (6-seitig) im DL-Format mit mit Heft (32 Seiten) im DIN-A6-Format

bestellbar im Shop der Text-Wirkerei
zum Preis von 5 € inkl. MwSt zzgl. Versandgebühr

ebenso erhältlich über den Indie-Shop des Stichblatt-Verlages (www.stichblatt.de)


Das bleiche Mädchen – Die Sage aus der Rostocker Marienkirche

Foto der Rostocker Marienkirche
Blick von Osten auf die Marienkirche: Im Vordergrund der Chor, aus diesem erhebt sich das Mittelschiff des Langhauses. Man sieht die Fensterreihe im oberen Bereich des Mittelschiffes, die die Basilika von einer Hallenkirche unterscheiden. Auffälliger als das Langhaus ist aus dieser Blickrichtung das Querhaus. Dahinter erhebt sich das Dach des Turms.

Vor vielen Jahren war der Küster der Marienkirche in Rostock zu bequem, die Glocken zu läuten, und schickte sein Dienstmädchen zum Läuten in die Kirche. Dazu musste das Mädchen auch im Winter, wenn es früh morgens und abends noch stockdunkel ist, in das finstere Gotteshaus, weil der Glockenstrang mitten in der Kirche hing. Sie hatte jedoch keine Angst vor Gespenstern und verrichtete die Arbeit ohne Bange. Als ihr Verlobter eines Tages meinte, er würde sich das nicht trauen, erklärte sie lachend, wenn es sein müsste, würde sie auch um Mitternacht allein in die dunkle Kirche gehen. Daraufhin wollte der Verlobte sehen, wie mutig sie wirklich war, und schlich ihr nach, als sie am nächsten Abend die Glocken läuten wollte. Er hüllte sich in ein Bettlaken und polterte und jaulte nach Kräften. Sein Hund, ein großer, schwarzer Pudel, war ihm unbemerkt gefolgt.

Das Mädchen sah auch bald die weiße Gestalt und hinter dieser eine schwarze mit glühenden Augen. Sie erschrak fürchterlich, beherrschte sich aber und rief: „Swartpoot, griep Wittpoot! Wittpoot, griep Swartpoot!“*

Kaum hatte sie die Worte gesprochen, jagten Hund und Herr wie verrückt hintereinander her. Das Mädchen rannte aus der Kirche, war von dem Schrecken aber totenbleich geworden und drei Tage später war sie tot. Auch ihr Verlobter und der Hund wurden am nächsten Tag tot in der Kirche gefunden.

Da das Mädchen eine Waise war und nichts besaß, wurde sie ohne Feier beerdigt. Doch zu ihrer Beisetzung läuteten auf einmal sämtliche Glocken der Marienkirche, die Kirche war hell erleuchtet und die Orgel spielte – und man hat nie herausbekommen, wie das vonstatten gegangen war.

*„Schwarzfuß, greif Weißfuß! Weißfuß, greif Schwarzfuß!“

Foto der Rostocker Marienkirche
Blick von Nordwesten, von der Langen Straße aus auf den Westbau mit Turm. Die unteren Bereiche stammen noch von der früheren Hallenkirche. Links dahinter erhebt sich das Querhaus.

Die Sage ist nacherzählt nach:

Albert Niederhöffer: Mecklenburg's Volkssagen. Neu editiert und mit Erläuterungen von Reno Stutz.
Bremen, Rostock, Edition Temmen, 1998

Die Originalfassung von Albert Niederhöffer entstand zwischen 1858 und 1862.


Die Marienkirche in Rostock

Foto der Rostocker Marienkirche
Blick vom Neuen Markt auf die Marienkirche: Unten rechts am Bildrand sieht man den Chor, über den Häusern sind Lang- und Querhaus zu erkennen sowie der Turm. Am Kreuzungspunkt zwischen Lang- und Querhaus sieht man eine schmale Turmspitze.

Die Marienkirche Rostocks liegt neben dem Neuen Markt, dem östlichen Ende der Fußgängerzone (Kröpeliner Straße). Über die erste an dieser Stelle vorhandene Kirche ist nichts mehr bekannt. Bis 1279 entstand hier eine dreischiffige Hallenkirche, von der bis heute die Untergeschosse des Turm erhalten sind. Ab 1290 wurde am östlichen Ende ein Chor angebaut und die Hallenkirche wurde in eine Basilika umgebaut. Neben dem mächtigen Westbau mit dem Turm fällt das Querhaus auf, das es an Größe mit dem Langhaus aufnehmen kann. Es entstand ab etwa 1398. Auffällig ist das „gestreifte“ Mauerwerk, das aus verschieden glasierten Backsteinen besteht.
Eine sehenswerte Besonderheit ist die astronomische Uhr, die sich hinter dem Altar befindet. Ihr Ticken hallt auch bei Tage geheimnisvoll durch die Kirche ...

Genauere Informationen zur Rostocker Marienkirche und ihrer Geschichte finden Sie auf der Internetseite der Evangelisch-Lutherischen Innenstadtgemeinde Rostock: www.marienkirche-rostock.de

Foto der Astronomischen Uhr in der Rostocker Marienkirche
Die astronomische Uhr in der Rostocker Marienkirche stammt aus dem 15. Jh und ist 11 m hoch.
Das Ticken der Uhr können Sie sich hier anhören – „Ticken“ umschreibt den Klang der mächtigen Uhr allerdings nicht annähernd …

Und hier noch ein paar Erläuterungen: Die Längsräume von Kirchen nennt man Kirchenschiff – eine dreischiffige Kirche hat demnach drei Langhäuser, die durch Säulenreihen voneinander getrennt sind. Bei einer Hallenkirche sind alle Gewölbe gleich hoch, in einer Basilika ist das Mittelschiff höher als die beiden seitlichen und hat noch eigene Fenster oberhalb der Seitenschiffe.
Das Querhaus steht im rechten Winkel zum Langhaus und ist kürzer als dieses. Der Chor ist jener Raum, in dem der Hauptaltar steht. Er befand sich überwiegend am östlichen Ende der Kirche.

Die astronomische Uhr in der Marienkirche wurde 1472 gebaut. Sie funktioniert immer noch und wird täglich aufgezogen. Oben sieht man die Hauptuhr. An die Stundenskala schließen von außen nach innen eine Tierkreiszeichenskala und eine Skala mit Monatsbildern an. Im Zentrum zeigt eine Vorrichtung aus sich drehender Sonnen- und Mondscheibe bspw. an, in welchem Tierkreiszeichen bzw. Monat die Sonne steht, aber auch die Mondphasen.
Die weiße Scheibe unterhalb der Hauptuhr ist das Kalendarium, das einmal im Jahr herumläuft. Ablesen kann man Monat und Tag, aber auch die Uhrzeit des Sonnenaufgangs sowie weitere Informationen wie den dem Tag zugeordneten Heiligen oder das Osterdatum. Eine Scheibe hat Platz für 133 Jahre, nach deren Ablauf muss sie ausgewechselt werden. 2017 wurde die nunmehr fünfte Scheibe montiert.
Zur Funktion und Geschichte der astronomischen Uhr gibt es ein Heft, das man in der Kirche erwerben kann.


Leseprobe aus dem Krimi „Das bleiche Mädchen“

Das Cover zum Krimi 'das bleiche Mädchen'
Das Cover des Krimis „Das bleiche Mädchen“

Sämtliche auftretenden Personen sind fiktiv. Die Hauptpersonen sind zwei Freundinnen Anfang 30: Die 1,80 m große, hagere Hauptkommissarin Katharina Lütten, die ununterbrochen essen kann ohne zuzunehmen, und die 1,50 m kleine, zierliche Freifrau Johanna (plus 6 weitere Vornamen) von Musing-­Dotenow zu Moordevitz, genannt Jo, ehrenamtlich die Wehrführerin der örtlichen freiwilligen Feuerwehr. Beide bilden auf Schloss Moordevitz eine WG, betreut und bekocht vom „Hausdrachen“ Hertha. Weitere Nebenfiguren sind einige Feuerwehrleute wie der lange Meier und der etwas dusselige kurze Meier, Katharinas Kollegen wie der hypochondrisch veranlagte Kommissar Pannicke, die muntere Levke und der schweigsame Finn.

Jo stellte die Atemschutztrupps zusammen und schickte den langen Meier und einen Truppmann durch die Nebentür vom rechten Giebel aus ins Gebäude. An dem Ende brannte es noch nicht. Bei der Lageerkundung hatte sie durch das Fenster etwas gesehen, was aussah wie Füße – möglich, dass da jemand bewusstlos in der verqualmten Küche lag. Dichter Rauch füllte auch hier die Räume bereits, das konnte sie durch die Fenster sehen. Nervös beobachtete Jo, wie die beiden Kameraden ins Gebäude krochen. Die Lichtstrahlen der Helmlampen geisterten durch den Qualm.

Der Katen war nicht mehr zu retten, am linken Ende war das Strohdach ein einziges Flammenmeer. Rauchwolken verdunkelten den Himmel und Funken flogen in dichten Schauern durch die Luft. Wie durch ein Wunder hatten die glühende Ascheflocken bislang keine neue Nahrung gefunden, aber sie durften die Umgebung nicht aus den Augen lassen. Es klirrte, im Erdgeschoss barst ein Fenster in der Hitze, Flammen schlugen heraus. Drei Zwei-Mann-Trupps spritzten Wasser in das Feuer, im Bemühen, den Brand in Schach zu halten. Heller Dampf mischte sich in den dunklen Rauch. Lachen von Löschwasser breiteten sich um den Katen aus, leuchtend im orangeroten Licht der Flammen und dem pulsierenden blauen der Feuerwehrautos.

Prasselnd rutschte brennendes Reet vom Dach, Funken sprühten. Als wäre eine Lawine losgetreten, fiel mehr und mehr Stroh herunter, türmte sich vor dem Eingang des Katens zu einem flammenden Haufen auf ‒ ein kleiner Bruder des Hausbrandes, bis der kurze Meier ihm mit seinem Strahlrohr den Garaus machte.

Sie brauchten dringend das große Tanklöschfahrzeug aus Musing-Dotenow. Noch während Jo mit der Leitstelle sprach, geriet sie ins Wanken, weil etwas an ihr zog und zerrte.

„Wer ist denn hier zuständig? Bei Ihnen steht ‚Einsatzleiter‘ hinten drauf, da müssen Sie doch zuständig sein!“

Jo wandte sich um. Eine aufgelöste Frau in Nachthemd, Mantel und Schlappen riss an ihrer Einsatzjacke.

„Ja, ich bin ja auch zuständig“, rief sie gegen das Dröhnen der Pumpen an. „Beruhigen Sie sich doch erst mal – was ist denn los?“

Die Frau fuhr zurück bei Jos Anblick. „Aber Sie sind ja ...“

„Ja?“

„Eine Frau! Und so klein! Und nicht von hier.“

„Ja. Das auch. Frau und klein und aus Moordevitz. Aber vor allem bin ich stellvertretende Amts­wehrführerin und somit hier der Einsatzleiter, so lange die halbe Feuerwehr Düwelshagen mit Grippe im Bett liegt. Also was ist los?“

„Da ist jemand drin! Die junge Frau Köhler, diese Studentin!“

„Beruhigen Sie sich, nach der suchen wir schon.“ Also hatte sie da tatsächlich Füße gesehen.

Als die Martinshörner der Feuerwehr Musing-Dotenow sich endlich näherten, trugen der lange Meier und sein Kamerad eine reglose Person aus dem Haus. Sofort begannen sie mit Wiederbelebungsmaßnahmen.

Der Notarzt konnte jedoch nichts mehr tun, die junge Frau war bereits tot. Das Blaulicht des Krankenwagens erlosch. Auch das Feuer schien endlich aufzugeben, nur hier und da züngelten Flammen aus schwarzen, zerborstenen Balken, die vor Stunden noch das Dach gewesen waren.

Jo rief Katharina an, ihre Freundin, Mitbewohnerin und vor allem im Moment zuständige Kriminalkommissarin. Kaum hatte Jo auf das grüne Hörersymbol getippt, hörte sie hinter sich das Möwengekreisch, das Katharina als Klingelton für sie eingestellt hatte. Ihr Smartphone am Ohr, drehte Jo sich um.

Die Hauptkommissarin stand wenige Meter entfernt auf der anderen Straßenseite und suchte augenscheinlich ihr Handy in allen Taschen.

Jo ließ ihres sinken und lief hinüber. „Was machst du hier?“

„Ich – warte mal kurz, es hat geklingelt – hallo? Hallo!“ Katharina rief in ihr Handy, bis Jo klar wurde, dass sie ihrerseits noch nicht aufgelegt hatte. Oder wie man bei Smartphones dazu sagte. Sie tippte auf das rote Hörersymbol.

„Mist, jetzt hat er weggedrückt. Egal, wenn es wichtig war ...“

„Es war wichtig, und die Anruferin hat aufgelegt, weil sie vor dir steht. Hat der Notarzt dich schon angerufen? Oder warum bist du so schnell?“

„Schnell? Notarzt?“

„Naja, wegen der Toten.“

„Tot? Wer? Jetzt sag nicht, die Frau aus der 12? Die Maike Köhler?“

Jo nickte. „Doch, genau die. Der lange Meier hat sie tot in der Küche gefunden. Oder jedenfalls jetzt ist sie tot, ob sie im Haus noch gelebt hat, wissen wir streng genommen nicht. Ob der Rauchmelder nicht funktioniert hat ... Aber wenn du das noch nicht weißt, wieso bist du dann hier?“

„Weil das eine Kommilitonin von unserer Leiche aus der Martinikirche ist. Ich wollte mit ihr über den Toten reden. Und ich dachte, das passt ja gut, auf dem Nach-Hause-Weg von Spökenitz hier anzuhalten. Und nun ist sie tot?“


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© Wiebke Salzmann