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Der Blog der Text-Wirkerei

Von Wollgras und Windflüchtern

Hier schreibe ich über Natur, Geschichte, Kultur in, von und aus Mecklenburg-Vorpommern – in völlig subjektiver Auswahl, je nachdem, was mir gerade so ein- oder auffällt. Auch die Info-Texte und Sagen zu den Krimikarten finden sich hier gesammelt.

Von einer, die auszog, Wollgras zu fotografieren …

… und im Grenztalmoor etwas viel Selteneres fand.

Das Grenztalmoor versunken im Schnee
Im Herbst leuchtet das Grenztalmoor in Rot und Braun

Eigentlich hätten wir ein Moor in größerer Nähe gehabt, das Ribnitzer Große Moor. Auch in der Rostocker Heide finden sich Stellen, an denen Wollgras wächst. Aber nach einem missglückten Winterspaziergang im Grenztalmoor bei Tribsees wollte ich diese Gegend auch mal im Frühsommer sehen. Missglückt war der Spaziergang damals nämlich, weil im Schnee die Wege nicht mehr erkennbar waren – was schade war, denn das Moor sieht auch im Schnee wunderschön aus.

Das Grenztalmoor entstand zum Ende der letzten Eiszeit, also vor gut 10 000 Jahren. Als die Gletscher der Eiszeit sich zurückzogen, floss das Schmelzwasser in Strömen ab und schuf dabei die Täler, in denen heutige Flüsse wie Recknitz oder Trebel fließen. Irgendwann war das Schmelzwasser abgeflossen und hinterließ flache Seen, die mit der Zeit verlandeten. Ein so entstandenes Verlandungsmoor bildete sozusagen die Grundlage des Grenztalmoores. An den Hängen oberhalb des Tals trat Grundwasser aus und bildete Quellen. Das Wasser floss die Hänge hinab und strömte durch das Moor am Talgrund. So versorgte es nicht nur das Moor mit Wasser, sondern bildete auch Flüsse – im Bereich des Grenztalmoores die Recknitz und die Trebel.

Grenztalmoor heißt es deswegen, weil hier im Mittelalter die Ostgrenze von Mecklenburg verlief, erst zum Fürstentum Rügen, später dann zu Pommern.
Mitte des 18. Jahrhunderts begann man auf der pommerschen Seite mit Entwässerungen, um dann bei Tribsees vor allem im 19. Jahrhundert großflächig Torf abzubauen. Der gestochene Torf konnte auf Gräben zur Saline nach Bad Sülze transportiert werden. Mit dem Prahmkanal existiert damals sogar eine Verbindung zwischen der Trebel und der Recknitz. Im Zuge der Renaturierung wurden etliche Gräben in ihrem Lauf unterbrochen.
In den 1990er Jahren betrieb man dann die Wiedervernässung im Rahmen eines EU-Moorschutzprojektes. Ein Naturschutzgebiet wurde hier allerdings bereits 1967 durch den Rat des Bezirks Rostock eingerichtet.

Wilde Lilien an einem Wassergraben

Deshalb machten wir uns also Ende Mai auf den Weg nach Tribsees, um die Wollgrasblüte zu erleben. In der Nähe dieser kleinen Stadt gibt es einen kleinen Parkplatz am Rand des Grenztalmoores, von dem aus ein Rundwanderweg durch das Moor führt, über Waldpfade, Bohlenwege und Wiesen. (Eine Karte gibt es am Ende dieses Artikels.) Zu Anfang führt der Weg zwischen alten Torfstichen entlang – hier trifft man zu dieser Jahreszeit immer wieder auf ganze Felder gelber Lilien. Dann betritt man einen Bohlweg, der einen in einen lichten Moorwald aus überwiegend Birken führt. Dieser Teil ist das Rauhe Moor, ein Naturschutzgebiet.

Das Rauhe Moor ist ein Regen- oder Hochmoor, während das umgebende Moor ein Niedermoor ist. Regenmoore erhalten ihr Wasser aus Niederschlägen, während Niedermoore es aus dem Boden erhalten, z. B. aus Quellen oder durch Überflutungen von Flüssen.

Unter den Moorbirken „blüht“ Wollgras
Sumpfporst, eine seltene Moorpflanze
Wollgras

Hier hielten wir nun Ausschau nach dem blühenden Wollgras, allerdings zunächst vergeblich. Es machte sich schon eine leichte Enttäuschung breit, bis wir dann doch noch weiße Blüten zwischen den Birken ausmachten. Näher betrachtet stellte sich jedoch sehr schnell heraus, dass es sich nicht um Wollgras handelte. Die Pflanzen erinnerten mit ihren kleinen, nadelartigen und dunkelgrünen Blättern eher an Rosmarin mit großen weißen Blütendolden. Sie bildeten zum Teil ganze Horste, die sich aus dem Gras zwischen den Bäumen erhoben und von weitem wie Mini-Rhododendron-Gebüsche aussahen.
Diese Pflanzen hatten wir noch nie vorher gesehen. Aber der Wanderer des 21. Jahrhunderts hat auf seinem Smartphone natürlich eine App zur Pflanzenbestimmung – und die spuckte bald die Information „Sumpfporst“ aus – eine Pflanzenart aus der Gattung Rhododendron (mein Eindruck hatte also nicht getäuscht). Für eine Weile vergaßen wir das Wollgras und entdeckten immer mehr und immer größere Pulke von über und über mit weißen Blüten übersätem Sumpfporst. Er ist ein immergrüner Strauch, der 0,5 bis 1,5 m hoch wird. Sumpfporst wächst am liebsten in Regenmooren, in Deutschland ist er infolge der Trockenlegung vieler Moore daher nahezu verschwunden. Kein Wunder also, dass ich ihn noch nie gesehen hatte.

Ach ja, Wollgras fanden wir dann natürlich auch noch, jede Menge flauschiger Bällchen zwischen Gras und Birken.

Bevor ich lauter E-Mails bekomme von Menschen, die mehr von Pflanzen verstehen als ich – Die „Wattebällchen“ sind nicht die Blüten des Wollgrases, an den weißen Fäden hängen die winzigen Samen – sieht man die weißen Bäusche, hat die Pflanze die Blüte also bereits hinter sich und trägt Früchte. Ähnlich wie beim Löwenzahl dienen die Fäden den Samen als Fallschirm bzw. Flughilfe beim Transport mit dem Wind.

Auf dem Rückweg durch die Wiesen begegnete uns ein Reh.

Nachdem man den Wald verlassen hat, führt der Weg über eine Wiese. Hier kann es matschig sein und es nicht immer ganz klar, wo genau der Weg verläuft. Bald trifft man wieder auf einen festen Weg, der einen wiederum zwischen wassergefüllten Torfstichen zurück zum Ausgangspunkt führt.

Tribsees mit der St.-Thomas-Kirche und dem Mühlentor

Im Anschluss bietet sich noch ein Spaziergang durch das Städtchen Tribsees mit seiner Kirche und den beiden Stadttoren an. Auch einen Wasserwanderrastplatz findet man hier, als Ausgangspunkt für eine Paddeltour auf der Trebel.

Der ca. 7,6 km lange Rundwanderweg durch das Grenztalmoor startet in der Nähe des Tribseer Mühlentores, auf der anderen Seite der Trebel sowie auch auf der anderen Seite der Landstraße. Dort gibt es auch einen kleinen Parkplatz und einen Picknick-Tisch.
Ein Mausklick auf die Karte öffnet eine vergößerte Version in einem neuen Browser-Tab.
Quelle der Karte: openstreetmap.de

Auf der Karte von OpenStreetMap ist der Rundwanderweg verzeichnet. Ich habe ihn (und die wichtigsten Beschriftungen) auf diesem Kartenausschnitt noch mal in Rot hervorgehoben. Mausklick auf die Karte öffnet eine vergrößerte Version in einem neuen Browser-Fenster. Die Strecke beträgt ca. 7,6 km.


Inhalt

Landschaften und Wanderungen
Flora und Fauna
Bauwerke und Orte
Aus der Geschichte
Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern
Kreatives aus Mecklenburg-Vorpommern
Bernstein und anderes


Landschaften und Wanderungen

Kap Arkona und die versunkene Stadt

Kap Arkona und die versunkene Stadt

Foto Leuchttürme Arkona
Die beiden Leuchttürme auf Kap Arkona. Der kleinere, der Schinkel-Turm, war 1828–1905 in Betrieb; der größere folgte ihm und wird bis heute betrieben.

Kap Arkona liegt in der Nähe des nördlichsten Punktes von Rügen, wo die Steilküste aus Kreide und Mergel um mehr als 40 m abfällt. Zwei Leuchttürme befinden sich hier und ein Peilturm, von dem aus man einen guten Blick auf die Reste eines alten Burgwalls hat.

Foto Slawenwall am Kap Arkona
Der Wall der Jaromarsburg vom Peilturm aus gesehen

Der Wall ist im Laufe der Jahrhunderte zu schätzungsweise zwei Dritteln den Abbrüchen der Steilküste zum Opfer gefallen und mit ihnen ins Meer gestürzt. Früher umschloss er die Jaromarsburg, im 9. bis 12. Jh. eine Kultstätte der Slawen zu Ehren ihres Gottes Swantewit. 1168 wurde die Burg von den Dänen unter ihrem König Waldemar I. erobert, der Tempel zerstört und die Bevölkerung christianisiert.

Danach ist der Sage nach die ganze Stadt Arkona im Meer versunken, auf dessen Grund sie noch heute ruht. Zuweilen steigt sie auf und man sieht sie mit ihren Häusern und Türmen in der Luft schweben und es heißt:
„Arkona wafelt wieder.“

Großsteingräber im Everstorfer Forst bei Grevesmühlen

Großsteingräber im Everstorfer Forst bei Grevesmühlen

Skizze zum Aufbau von Ganggräbern – Blick von oben und von vorn

Im Everstorfer Forst finden sich mehrere Großsteingräber. Hünengräber nannte man sie, weil es unvorstellbar schien, dass Menschen die gewaltigen Findlinge zu Bauten aufeinandertürmen konnten – es mussten Riesen gewesen sein.

Großsteingräber unterscheidet man nach ihrer Bauart. Bei Ganggräbern hat die meist länglich geformte Grabkammer einen Zugang, der als Gang ausgebaut ist. Das Foto auf der Karte zeigt ein Ganggrab mit Langbett, das zur südlichen Gruppe von Großsteingräbern im Everstorfer Forst bei Grevesmühlen gehört. Ein Langbett ist eine länglich geformten Steinumrandung, die man auch Hünenbett nennt. Das abgebildete Langbett ist 43 m lang und 12 m breit. Die als Ganggrab ausgebaute Grabkammer liegt an seinem Ostende.
Errichtet wurden solche Ganggräber von der Trichterbecherkultur, die in der Zeit von etwa 4000 bis 3000 Jahre v. Chr. lebte.
Weil sich innerhalb einer Region einzelne Bauelemente oft sehr ähneln, gibt es die Theorie, dass die Großsteingräber von umherziehenden Bautrupps errichtet wurden, unter der Leitung eines erfahrenen Baumeisters. Denn die Tragsteine wurden häufig schräg errichtet, die Erbauer musste also etwas von Statik verstanden haben.
Es gibt unterschiedliche Auffassungen, wozu die Bauten gedient haben könnten – ob als religiöse Stätte, Grab für Höhergestellte oder als Beinhaus, in das lediglich die Knochen gebracht wurden.

Der Teufelsbackofen

Der Eingang in die Kammer befindet sich beim Teufelsbackofen an einer Schmalseite – und man sieht sofort, woher er seinen Namen hat ...

Der Teufelsbackofen im Everstorfer Forst ist ein Dolmen aus sieben Tragsteinen und zwei Decksteinen.
Ein Dolmen besteht aus drei oder mehr Tragsteinen und einer oder mehreren Deckplatten. Ihrem tischähnlichen Aussehen verdanken sie den Namen Dolmen, der vom keltischen Wort *tolmen für Steintisch herrührt. Die meisten Dolmen waren mit Erdhügeln überdeckt. Ein Ring aus Steinen sollte deren Abrutschen verhindern.

Die Insel Vilm

Die Insel Vilm

auf Vilm

Ich habe meinen Glände kurzerhand von den Wäldern des Festlands auf eine Insel verfrachtet. Im Kopf hatte ich dabei die Insel Vilm, im Bodden südlich von Rügen vor Putbus – von der auch die Fotos in diesem Westentaschenkrimi stammen.
Auf Vilm gab es seit fünf Jahrhunderten keinen größeren Holzeinschlag mehr und man wandert durch unberührten Urwald. Damit das so bleibt, dürfen pro Tag nur sechzig Besucher auf die Insel. Bekannt ist die Insel, weil Mitglieder der SED-Führung hier Urlaub machten. Deshalb durften ab 1959 keine anderen Urlauber mehr nach Vilm, was auch dazu beitrug, die Ursprünglichkeit des Waldes zu erhalten.
Leider sind von den Ulmen, von denen Vilm seinen Namen hat (slawisch für Ulme: ilumu), auch hier die meisten dem Ulmen­splintkäfer zum Opfer gefallen.

Der echte Herthasee auf Jasmund/Rügen

Der echte Herthasee auf Jasmund/Rügen

Foto Herthasee
Der echte Herthasee ist mit 150 m Breite kleiner als der im Krimi, es gibt auch keine Hütte an seinem Ufer und man kommt nicht mit dem Auto an ihn heran. Wie der im Krimi liegt auch der echte See inmitten eines herrlichen Buchenwaldes.

Auf der Insel Rügen liegt in der Nähe der Stubbenkammer auf der Halbinsel Jasmund ein kleiner, dunkler See, ca. 150 m breit und 11 m tief. An seinem nordöstlichen Ufer liegt ein bis zu 17 m hoher slawischer Ringwall aus dem 8. bis. 12 Jh. Hier soll die (allerdings germanische) Göttin Hertha verehrt worden sein.

Die Verehrung der Hertha (bzw. Nerthus) erwähnt bereits Tacitus, im 17. Jh wurde diese Sage dann mit dem Borgsee (auch Schwarzer See genannt) auf Rügen in Verbindung gebracht. Zwar gilt dies inzwischen als unwahrscheinlich, dennoch nutzte ein findiger Gastwirt die Geschichte im 19. Jh, um den Tourismus und seinen Umsatz zu fördern, weshalb der See heute Herthasee und der früher einfach Borgwall genannte Wall inzwischen Herthaburg heißt.

Hertha geht vermutlich zurück auf die germanische Gottheit Nerthus (wie übrigens auch die Figur der Frau Holle bzw. Frau Perchta), die von Tacitus als Mutter Erde bezeichnet wird.

Foto Slawenwall 'Herthaburg'
Der Wall der Herthaburg endete früher am Herthasee – inzwischen gibt es am Westende des Walls einen Durchbruch, durch den der Wanderweg führt.

Die Herthaburg ist eine slawische Wallburg aus der Zeit um 700 bis 1100. Die Anlage ist insgesamt ca. 180 m breit, ihre Südseite liegt offen zum Seeufer hin. Möglicherweise führte der Zugang zur Burg damals über den See. Der Wall ist außen bis 17 m, innen bis 8 m hoch.

Großsteingräber bei Liepen im Recknitztal

Großsteingräber bei Liepen im Recknitztal

Skizze zum Aufbau von Ganggräbern – Blick von oben und von vorn

Im Recknitztal finden sich mehrere Großsteingräber. Hünengräber nannte man sie, weil es unvorstellbar schien, dass Menschen die gewaltigen Findlinge zu Bauten aufeinandertürmen konnten – es mussten Riesen gewesen sein.

Großsteingräber unterscheidet man nach ihrer Bauart. Bei Ganggräbern hat die meist länglich geformte Grabkammer einen Zugang, der als Gang ausgebaut ist. Das Foto auf der Innenseite zeigt den Gang zum Grab Liepen 7 (benannt nach dem nahegelegenen Ort Liepen im Recknitztal). Er setzt an einer Längsseite der Grabkammer an und ist etwa 3 Meter lang. Zwei Decksteine sind erhalten. Die Grabkammer selbst ist ca. 6 Meter lang, 2,5 Meter breit und 1,8 Meter hoch. Elf Tragsteine und zwei Decksteine sind erhalten. Die Grabkammer war in vier so genannte Quartiere unterteilt. Das auf dem Hefttitel abgebildete Ganggrab Liepen 8 liegt ganz in der Nähe und hat ähnliche Maße.
Ursprünglich bedeckte ein Erdhügel die Gräber, der von einem Oval weiterer Steine, den Randsteinen, umgeben war. Diese sollten den Hügel vor dem Abrutschen bewahren. Von diesen sind nicht mehr alle erhalten, denn die Steine wurden in späteren Jahrhunderten oftmals abgetragen und als Baumaterial verwendet.

Errichtet wurden solche Ganggräber von der Trichterbecherkultur, die in der Zeit von etwa 4000 bis 3000 Jahre v. Chr. lebte.
Weil sich innerhalb einer Region einzelne Bauelemente oft sehr ähneln, gibt es die Theorie, dass die Großsteingräber von umherziehenden Bautrupps errichtet wurden, unter der Leitung eines erfahrenen Baumeisters. Denn die Tragsteine wurden häufig schräg errichtet, die Erbauer musste also etwas von Statik verstanden haben. Es gibt unterschiedliche Auffassungen, wozu die Bauten gedient haben könnten – ob als religiöse Stätte, Grab für Höhergestellte oder als Beinhaus, in das lediglich die Knochen gebracht wurden.

Die Steinkreise bei Boitin

Die Steinkreise bei Boitin

Foto eines der größeren Steinkreise
Der Große Steintanz umfasst drei Steinkreise, die in den Ecken eines Dreiecks stehen.

Die Boitiner Steintänze besteht aus insgesamt vier Stein­krei­­sen – der Große Steintanz umfasst drei Kreise, die in den Ecken eines Dreiecks liegen; der Kleine Steintanz besteht aus nur einem kleineren Stein­kreis und liegt einen kurzen Fußmarsch entfernt.

Die Steinkreise stammen aus der Eisenzeit und sind 2000 bis 2600 Jahre alt. Eine Urne mit Leichenbrand, die hier im Rahmen archäologischer Untersuchungen gefunden wurde, deutet darauf hin, dass es sich bei den Steintänzen um Grabmarkierungen gehandelt hat, wie sie in dieser Zeit häufig im Ostseeraum entstanden. In Polen und in Skandinavien findet man solche Steinkreise bei Urnengräbern.

Foto eines der größeren Steinkreise
Die eckigen Löcher in der Brautlade (links) dienten in Wirklich nur der Sprengung des Steins. In einem anderen Stein der Steintänze sieht man noch Reste der Löcher an der Bruchkante (rechts). Dieser Stein wurde demnach wie geplant gespalten.

Der größte Stein im Großen Steintanz, die Brautlade, hat eine Reihe rechteckiger Löcher. Der Sage nach liegt in diesem Stein ein Schatz, den man um Mitternacht des 24. Juni heben kann, wenn man einen roten Faden aus einem der Löcher herauszieht. Die weitaus profanere Wahrheit hinter den Löchern ist, dass diese hineingeschlagen wurden, um den Stein zu spalten und als Baumaterial zu verwenden.

Flora und Fauna

Süntelbuchen

Süntelbuchen

Die Süntelbuchen bei Lietzow

Süntelbuchen sind eine seltene Varietät der Rotbuche mit bizarr verdrehten und gekrümmten Ästen. Sie werden nicht so hoch wie ihre gerade wachsenden Schwestern, nur selten erreichen sie mehr als 15 Meter. Ihre Namen haben sie nach einem Vorkommen im Süntel (einem zum Weserbergland gehörenden Gebirgsstock), der allerdings 1843 gerodet wurde, sodass dort nur noch wenige ältere Süntelbuchen zu finden sind.

Die Süntelbuchen, die mir als Vorbild dienten, stehen bei Lietzow auf Rügen. Dort wurden 1920 im Waldpark Semper zehn Süntel­buchen gepflanzt, deren Kronen zu einem kuppelartigen Dach verwachsen sind. Von außen sehen sie aus wie ein einziges Gebüsch, geht man jedoch hinein, kann man ihren gezackten und schlangen­gleich gewundenen Wuchs bewundern.
Über eine gruselige Vergangenheit des Ortes wie in der Geschichte ist mir jedoch nichts bekannt, das ist reine Fantasie.

Sanddorn

Sanddorn

Ein Zweig mit Sanddornbeeren
Diesen Sanddorn habe ich am Strand von Lietzow auf Rügen fotografiert.

Sanddorn ist wohl einer der typischsten Pflanzen für die Ostseeküste. Er wurde in Deutschland, nämlich in der damaligen DDR, erstmals Ende der 1960er Jahre als Kulturpflanze angebaut.

Sanddornsträucher überziehen mancherorts als dichtes ausgedehntes Gebüsch die Dünen. Ab August erscheinen die leuchtend orangefarbenen Beeren. Wegen ihres hohen Vitamin-C-Gehaltes wird Sanddorn auch als Zitrone des Nordens bezeichnet. Entsprechend sauer sind die Früchte auch, weshalb sie selten roh gegessen werden. Statt dessen gewinnt man Saft oder Mark aus den Beeren. Sanddornöl wird in Hautpflegeprodukten verwendet.

Bauwerke und Orte

Infos zur Marienkirche in Rostock und zur astronomischen Uhr

Die Marienkirche in Rostock

Foto der Rostocker Marienkirche
Blick vom Neuen Markt auf die Marienkirche: Unten rechts am Bildrand sieht man den Chor, über den Häusern sind Lang- und Querhaus zu erkennen sowie der Turm. Am Kreuzungspunkt zwischen Lang- und Querhaus sieht man eine schmale Turmspitze.

Die Marienkirche Rostocks liegt neben dem Neuen Markt, dem östlichen Ende der Fußgängerzone (Kröpeliner Straße). Über die erste an dieser Stelle vorhandene Kirche ist nichts mehr bekannt. Bis 1279 entstand hier eine dreischiffige Hallenkirche, von der bis heute die Untergeschosse des Turm erhalten sind. Ab 1290 wurde am östlichen Ende ein Chor angebaut und die Hallenkirche wurde in eine Basilika umgebaut. Neben dem mächtigen Westbau mit dem Turm fällt das Querhaus auf, das es an Größe mit dem Langhaus aufnehmen kann. Es entstand ab etwa 1398. Auffällig ist das „gestreifte“ Mauerwerk, das aus verschieden glasierten Backsteinen besteht.
Eine sehenswerte Besonderheit ist die astronomische Uhr, die sich hinter dem Altar befindet. Ihr Ticken hallt auch bei Tage geheimnisvoll durch die Kirche ...

Genauere Informationen zur Rostocker Marienkirche und ihrer Geschichte finden Sie auf der Internetseite der Evangelisch-Lutherischen Innenstadtgemeinde Rostock: www.marienkirche-rostock.de

Foto der Astronomischen Uhr in der Rostocker Marienkirche
Die astronomische Uhr in der Rostocker Marienkirche stammt aus dem 15. Jh und ist 11 m hoch.
Das Ticken der Uhr können Sie sich hier anhören – „Ticken“ umschreibt den Klang der mächtigen Uhr allerdings nicht annähernd …

Und hier noch ein paar Erläuterungen: Die Längsräume von Kirchen nennt man Kirchenschiff – eine dreischiffige Kirche hat demnach drei Langhäuser, die durch Säulenreihen voneinander getrennt sind. Bei einer Hallenkirche sind alle Gewölbe gleich hoch, in einer Basilika ist das Mittelschiff höher als die beiden seitlichen und hat noch eigene Fenster oberhalb der Seitenschiffe.
Das Querhaus steht im rechten Winkel zum Langhaus und ist kürzer als dieses. Der Chor ist jener Raum, in dem der Hauptaltar steht. Er befindet sich überwiegend am östlichen Ende der Kirche.

Die astronomische Uhr

Die astronomische Uhr in der Marienkirche wurde 1472 gebaut. Sie funktioniert immer noch und wird täglich aufgezogen. Oben in der nebenstehenden Abbildung sieht man die Hauptuhr. An die Stundenskala schließen von außen nach innen eine Tierkreiszeichenskala und eine Skala mit Monatsbildern an. Im Zentrum zeigt eine Vorrichtung aus sich drehender Sonnen- und Mondscheibe bspw. an, in welchem Tierkreiszeichen bzw. Monat die Sonne steht, aber auch die Mondphasen.
Die weiße Scheibe unterhalb der Hauptuhr ist das Kalendarium, das einmal im Jahr herumläuft. Ablesen kann man Monat und Tag, aber auch die Uhrzeit des Sonnenaufgangs sowie weitere Informationen wie den Heiligen, der dem Tag zugeordnet ist, oder das Osterdatum. Eine Scheibe hat Platz für 133 Jahre, nach deren Ablauf muss sie ausgewechselt werden. 2017 wurde die nunmehr fünfte Scheibe montiert.
Zur Funktion und Geschichte der astronomischen Uhr gibt es ein Heft, das man in der Kirche erwerben kann.

Wo lag Vineta wirklich?

Wo lag Vineta wirklich?

Die Marienkirche in Barth'
Das Foto zeigt die Marienkirche in Barth, vom Marktplatz aus gesehen. Die ältesten Teile dieses typischen Vertreters der Backsteingotik stammen aus dem 13. Jh.

Vineta, die reiche, im Meer versunkene Stadt der Sage hatte wohl ein reales Vorbild – aber wo dieses gelegen hat, darüber gibt es verschiedene Theorien.
Historische Quellen aus dem 10. und 11. Jh. sprechen von einer reichen Handelsstadt an der Odermündung, die im 12. Jh. von den Dänen angegriffen und zerstört worden sein soll. Im Laufe der Jahrhunderte verschwand das Wissen um den Standort des historischen Vineta und es entstand die Sage von der Stadt, die zur Strafe für den Hochmut ihrer Bewohner von den Fluten verschlungen wurde. Im 16. Jh. begann man, den Standort Vinetas zu suchen und vermutete ihn zunächst bei Koserow auf Usedom. Im 19. Jh. favorisierte man Wollin, wo später archäologische Grabungen nachwiesen, dass im 10.–12. Jh. hier ein bedeutender Seehandelsplatz lag. Allerdings werden in einigen Quellen Vineta und Wollin als zwei Städte genannt.

Foto des Dammtores in Barth
Barth ist ein möglicher Standort des berühmten Vineta.
Das Foto zeigt das Dammtor in Barth, das um 1425 errichtet wurde.

Eine weitere Möglichkeit wäre, dass die Oder zur Blütezeit Vinetas noch einen weiteren Mündungsarm hatte, der durch ein Urstromtal westlich von Rügen geflossen wäre und im Saaler Bodden die Ostsee erreicht hätte. Vineta hätte dann bei Barth gelegen. Dies würde einige Widersprüche zwischen geografischen Gegebenheiten und den Beschreibungen in den alten Texten beseitigen, bislang fehlen jedoch Funde, die diese Theorie belegen. Es könnte sogar so gewesen sein, dass die Bewohner Vinetas nach dem Überfall der Dänen flohen und sich dann bei Wollin niederließen.

Barth nennt sich Vinetastadt, denn eine der Theorien zum Standort Vinetas sieht diesen bei Barth. Im Dachgeschoss des Vineta-Museums in Barth erfährt man allerlei Wissenswertes zu Vineta.

Wald auf dem Steckelsberg
Auf dem Streckelsberg bei Koserow – der starke Efeubewuchs verwandelt den Wald in einen verwunschenen Urwald.

Vineta, die reiche, im Meer versunkene Stadt der Sage hatte wohl ein reales Vorbild – aber wo dieses gelegen hat, darüber gibt es verschiedene Theorien. Historische Quellen aus dem 10. und 11. Jh. sprechen von einer reichen Handelsstadt an der Odermündung, die im 12. Jh. von den Dänen zerstört worden sein soll. Im Laufe der Jahrhunderte verschwand das Wissen um den Standort des historischen Vineta und es entstand die Sage von der Stadt, die zur Strafe für den Hochmut ihrer Bewohner von den Fluten verschlungen wurde.
Im 16. Jh. begann man, den Standort Vinetas zu suchen und vermutete ihn zunächst bei Koserow auf Usedom. Auf verschiedenen Karten aus dem 16. und 17. Jh. ist eine Stadt namens Zwineta oder Wineta auf einer kleinen Insel vor Koserow einge­zeichnet. Zudem wurde eine große Menge Steine, die künstlich aufgeschichtet zu sein schienen, als Indiz auf Vineta gedeutet. Die Steine und ihre Lage stellten sich jedoch als natürlichen Ursprungs heraus.
Ab dem 19. Jh. favorisierte man Wollin in Polen am Stettiner Haff als Standort Vinetas, wo archäolo­gische Grabungen später nachwiesen, dass im 10.–12. Jh. hier ein bedeutender Seehandelsplatz lag.

Salzhütten bei Koserow
Das Foto zeigt die Salzhütten in Koserow, in denen im 19. Jh. das Salz gelagert wurde. Die Fische mussten direkt nach dem Fang am Strand eingesalzen werden, damit sie nicht verdarben. Heute gibt es in den Salzhütten u. a. Fischbrötchen.

Der Slawenwall in Pantlitz

Slawischer Doppelwall in Pantlitz

der slawische Doppelwall bei Pantlitz
Im Frühjahr, bevor die Blätter austreiben und alles verhüllen, kann man den Doppelwall der Slawenburg bei Pantlitz gut erkennen.

Wo man im Sommer nur einen bewaldeten Hügel wahrnimmt, versteckt sich unter den Bäumen der Rest einer slawischen Burg­anlage aus dem 8. bis 9. Jh. Sie besteht aus einem inneren und einem äußeren Wall, zwischen denen ein (trockener) Graben liegt. Der innere Wall umgibt eine ovale Fläche von 35 m Breite und 45 m Länge. Im Nordwesten schließt sich ein drittes Wallstück an. Von anderen Slawenburgen weiß man, dass die inneren Wälle häufig als Zuflucht dienten, während weitläufigere äußere Wälle häufig Handwerkersiedlungen umschlossen. Ob dieses dritte Wallstück ebenfalls eine Siedlung umfasste, weiß man nicht.
Die Wälle bestanden aus Holzbalken, die entweder kreuzweise als Gitter übereinandergelegt wurden oder Kästen bildeten. Das Ganze wurde dann mit Erde verfüllt. Auf der Wallkrone dienten Palisaden und ein Wehrgang dem Schutz und der Verteidigung.

Die Turmhügelburg in Pantlitz

Turmhügelburgen oder Motten

Der Turmhügel in Pantlitz
Der Turmhügel in Pantlitz. Auch seine regelmäßige Form ist ohne Laub besser zu sehen.

Im Ort Pantlitz findet man außerdem einen Hügel, der durch seine regelmäßige Form auffällt. Tatsächlich wurde er im Mittel­alter künstlich aufgeschüttet und war Bestandteil einer Turmhügelburg oder Motte. Die Turmhügelburgen in Mecklenburg-Vorpommern stammen überwiegend aus der Zeit 1200 bis 1300 und wurden von den in die slawischen Gebiete vordringenden Sachsen errichtet. Wann genau die Motte in Pantlitz errichtet wurde, ist nicht bekannt.
Auf dem von einem Graben umgebenen Hügel stand ein Turm, der ein Wohn- oder Wehrturm sein konnte, oder beides. Baumaterial war Holz, auf einem Fundament aus Feldsteinen. Oft errichtete man erst den Turm und schüttete dann den Hügel darum herum auf (der Turm wurde eingemottet.) Die steinernen Reste im Pantlitzer Hügel wurde noch im 20. Jh. als Eiskeller genutzt. Häufig umgaben Palisaden den Turm.

Die Klosterruine Eldena in Greifswald

Die Klosterruine Eldena in Greifswald

Foto Klosterruine Eldena
Noch einmal das Kirchenschiff

Das Kloster Eldena wurde 1199 von dänischen Zisterziensermönchen gegründet (damals hieß es noch Hilda, benannt nach dem Fluss Ryck, der damals ebenfalls Hilda hieß) und liegt im heutigen gleichnamigen Greifswalder Stadtteil. Der Grund für die Ansiedlung gerade an diesem Platz lag in einem Salzvorkommen in der Nähe. Der Bau zog sich über 400 Jahre hin und war erst zu Beginn des 15. Jh abgeschlossen. Vom Kloster Eldena ging im 13. Jahrhundert auch die Gründung der Stadt Greifswald aus.
Im Zuge der Reformation ging das Kloster 1535 in den Besitz des Herzogs über. Während des 30-jährigen Krieges wurde es stark beschädigt und danach als Steinbruch genutzt, u. a. für Gebäude der Universität Greifswald – diese hatte das Kloster und die zugehörigen Ländereien 1634 vom Pommernherzog als Schenkung erhalten. Von Kirchen­schiff und Ostflügel sind daher heute nur noch Ruinen erhalten – allerdings sehr eindrucksvolle Ruinen.
Berühmt wurde das Kloster auch durch die Bilder Caspar David Friedrichs, der die Ruinen mehrfach malte.

Foto Klosterruine Eldena
Innerhalb der Mauern des Ostflügels

Die Gebäude des Klosters bildeten ein Viereck, das einen Innenhof umschloss. An der Südseite stand die Kirche, von der noch Teile erhalten sind. An diese schlossen sich im rechten Winkel West- und Ostflügel an. Lediglich vom Ostflügel stehen noch Mauern, West- und Nordflügel sind verschwunden. Im Ostflügel befanden sich Sakristei, Kapitelsaal, eine Kapelle und der Brudersaal.

Das Kloster und der Park werden heute für Veranstaltungen genutzt, wie Konzerte oder Kunsthandwerkermärkte.

Und hier noch ein paar Erläuterungen: Eine Sakristei ist ein Nebenraum einer Kirche, in dem die im Gottesdienst benötigten Gegenstände aufbewahrt werden. Im Kapitelsaal versammelte sich die Klostergemeinschaft der Mönche. Der Brudersaal wurde für Arbeiten genutzt, bspw. Schreibarbeiten.

Das Museumshaus in Stralsund

Das Museumshaus in Stralsund

Foto vom Museumshaus in Stralsund
Das Museumshaus vom Stralsund Museum in der Mönchstraße.

Anregungen für Jos Museumshaus bot mir das Museumshaus in der Stralsunder Mönchstraße. Dieses Giebelhaus ist ein Krämerhaus, dessen Anfänge im 14. Jahr­hundert liegen. Typisch für mittelalterliche Krämerhäuser war die große, hohe Diele, die dem Verkauf der Waren diente. Über der Diele befanden sich in mehreren Stockwerken die Spei­cher. Von dort konnten die Waren mittels eines Lasten­aufzugs nach der Anlieferung von der Diele in die Speicher bzw. zum Verkauf wieder hinunter in die Diele gelassen werden. Neben der Diele befand sich das Kontor, in dem der Kaufmann seine Bücher führte. Gewohnt hat die Kaufmannsfamilie in Anbauten im Hof. Erst später verlagerte man den Wohnraum ins Haupthaus, baute Räume in die Diele hinein und vergrößerte das Gebäude im 17. Jahrhundert straßenseitig um die beiden Utluchten, die dann dem Verkauf dienten (die grünen Vorbauten auf dem Foto). Ins Obergeschoss einer der Utluchten wurde auch das Kontor verlegt.

Das Museumshaus kann man vom Keller bis zu den Spei­­cherböden besichtigen – seine Um-, Ein- und Anbauten sowie viele Originalfunde erzählen von 700 Jahren Leben und Arbeiten. (Und dank der Restaurierung muss niemand befürchten, irgendwo hinunterzufallen.)

Genauere Informationen zum Museumshaus in Stralsund finden Sie auf der Internetseite des Stralsund Museums: Das Museumshaus Mönchstraße 38

Aus der Geschichte

Die Schlacht an der Raxa

Die Schlacht an der Raxa

Raxa kommt vom slawischen Wort für Fluss. Man weiß nicht genau, wo die Schlacht stattgefunden hat – ob mit Raxa die heutige Recknitz gemeint ist oder doch die Elde. (Die Moordenitz war es sicher nicht, denn die gibt es nur in meiner Fantasie.) Die Lage der Burg auf dem Hügel bei Pantlitz lässt es möglich erscheinen, dass die Schlacht hier stattgefunden hat. Was man genau kennt, ist das Datum der Schlacht: der 16. Oktober 955. Es gibt auch Quellen, die über ihren Verlauf berichten.
So schreibt Thietmar von Merseburg, dass Stoignew gefangen genommen und dann von Otto enthauptet wurde. Widukind von Corvey zufolge enthauptete der Ritter Hosed ihn und brachte Otto seinen Kopf. Stoignews Kopf hat man am folgenden Tag auf dem Schlachtfeld aufgestellt und dort siebenhundert slawische Gefangene enthauptet. Auf dieser zweiten Überlieferung beruht meine Geschichte, zumindest bis zu der Stelle, wo Ritter Hosed Stoignew tötet. Die Fakten, die Johanna auf den Seiten 18 bis 20 zusammenfasst, habe ich verschiedenen Artikeln der Wikipedia entnommen. Der Rest ist Fantasie: Sowohl die Nonne Hathui, als auch die Slawenprinzessin und ihr Fluch sind reine Erfindung von mir.
Im Folgenden fasse ich die Geschichte so wieder, wie ich sie verstanden habe:

der restaurierte slawische Burgwall im Freilichtmuseum Groß Raden
Im Freilichtmuseum Groß Raden kann man einen restaurierten slawischen Burgwall besichtigen – und auch andere nachempfundene Gebäude der dortigen früheren slawischen Siedlung. Der Wall in Groß Raden lag in einem See (heute auf einer Landzunge), nicht auf einem Hügel, fotografiert ist er vom Ufer aus. Ein lohnenswerter Besuch!

Im zehnten Jahrhundert war Otto I. u. a. König von Ostfranken und Herzog von Sachsen. Im Westen grenzte sein Reich an Frankreich und im Osten an die Gebiete der Slawenstämme. Die Slawen hatten die Herrschaft über ihre Länder, waren Otto aber tributpflichtig. Dass das so blieb, dafür hatte der sächsische Markgraf Gero zu sorgen. Dann gab es die üblichen Intrigen und Machtkämpfe. Ottos Sohn zettelte einen Aufstand an, scheiterte jedoch, wurde von Otto aber wieder in Gnaden aufgenommen. Wie genau, weiß man nicht, aber Gero muss dabei irgendwie zwischen die Fronten geraten sein, jedenfalls sank er in der Gunst des Königs und ein Hermann Billung wurde Ottos Stellvertreter in Sachsen, was wohl zu Rivalitäten zwischen Gero und Hermann führte.
Um das weitere zu verstehen, muss man in Hermanns Familiengeschichte wechseln. Als sein Bruder starb, wurde Hermann der Vormund seiner beiden Neffen Wichmann und Ekbert und nutzte das, um Teile von deren Erbe einzuheimsen. Das passte den Neffen, wie man sich denken kann, nicht. Sie organisierten in Sachsen einen Aufstand gegen ihren Onkel, scheiterten jedoch damit und Hermann nahm sie gefangen und führte sie Otto vor. Der ließ Ekbert frei, Wichmann kam in Hausarrest im königlichen Palast. Er konnte 954 fliehen und versuchte zusammen mit Ekbert, einige ihrer angestammten Burgen zu besetzen. Das gelang ihnen nicht, sie wurden von Hermann vertrieben und mussten ins Slawengebiet jenseits der Elbe fliehen. Der Obodritenherrscher Nakon erlaubte ihnen, sich auf einer Burg dort zu verschanzen. Hermann griff die Burg mit einem Heer an, musste aber ergebnislos wieder abziehen. Zur Vergeltung drang nun Wichmann mit einem überwiegend aus Slawen bestehenden Heer nach Sachsen ein und belagerte dort eine Burg bei Lüneburg. Hermanns Heer hatte sich wohl schon aufgelöst, jedenfalls leistete er der Bevölkerung, die sich in die belagerte Burg geflüchtet hatte, keine Hilfe. Es wurde dann vereinbart, dass die Eingeschlossenen die Burg verlassen können, aber Wichmann brach das Versprechen des freien Abzugs, sein Heer massakrierte die Männer und versklavte Frauen und Kinder.
Otto war derweil von einer Schlacht gegen Ungarn in Beschlag genommen. Nachdem er diese im Sommer 955 besiegt hatte und sich wieder anderen Problemen widmen konnte, wollte er Rache nehmen für das Massaker. Er marschierte also mit einem Heer über die Elbe. Hermann hielt sich aus diesem Rachefeldzug heraus, aber Gero zog mit. Zum Heer gehörten auch Slawen vom Stamm der Ranen. Ihnen gegenüber stand ein Slawenheer aus Obodriten, Wilzen und noch anderen, angeführt von Stoinef, dem Bruder des Obodritenfürsten Nakon. Das moorige Gelände behinderte das Vorwärtskommen des Heeres und es gelang den Slawen, die Sachsen am Fluss Raxa einzukesseln.

Wiesen an der Recknitz bei Pantlitz
Blick über die Recknitzwiesen zwischen dem Wasserwanderrastplatz und dem Hügel mit dem Slawenwall bei Pantlitz

Ottos Heer stand also vor der Raxa und kam nicht hinüber, das Ufer war zu sumpfig. Zurück konnten sie aber auch nicht mehr, weil die Slawen den Rückweg mit Baumverhauen abgeriegelt hatten. (Das ist eine Stelle im Bericht, die mir nicht klar ist. Dazu müssten die Slawen ja unbemerkt hinter die Sachsen gelangt sein und ebenso unbemerkt den Baumverhau gebaut haben – einen Baumverhau von nicht unbeträchtlicher Länge, wenn er dem Sachsenheer den Rückweg abriegeln sollte. Andererseites kannten die Slawen das Gelände sicher sehr gut und konnten sich eine Stelle aussuchen, an der der Weg durch Moor rechts und links möglicherweise ohnehin schon versperrt war.) Es war Herbst, der Untergrund nass und man kann sich vorstellen, dass die Sachsen bald krank wurden und hungerten. Otto schickte also Gero als Unterhändler zu Stoinef. Im Gepäck hatte er ein Freundschaftsangebot, in dessen Genuss Stoinef aber erst kommen sollte, nachdem er sich öffentlich unterworfen hatte. Das hätte Stoinef vermutlich ohnehin nicht vor den Augen seines gesamten Heeres getan. Gero tat aber noch ein übriges, um den Frieden zu verhindern, indem er Stoinef verhöhnte und mit der Überlegenheit der Sachsen prahlte. Bald standen die beiden sich gegenüber, zwischen sich den Fluss, und brüllten sich gegenseitig Beschimpfungen zu, bis sie sich schließlich zur Schlacht am nächsten Tag „verabredeten“.

auf dem inneren Wall der Slawenburg in Pantlitz
Der Blick zwischen die Bäume lässt noch erahnen, wie weit der Blick früher vom Wall aus über die Recknitzwiesen reichte. Auf dem Wall selbst und wohl auch auf dem Hügel werden damals keine Bäume gestanden haben.

In der Nacht griff Otto an – oder vielmehr tat er so, als würde er über den Fluss gehen wollen. Während die Slawen damit abgelenkt waren, Otto zurückzuschlagen, halfen die verbündeten Ranen Gero dabei, etwa eine Meile weiter einen Übergang zu finden. (Ich könnte mir denken, dass sie schon eine Idee hatten, wo sie suchen sollten. Sie durften ja nicht riskieren, dass Otto während der Suche die Ablenkungsschlacht verlor. Weit weg kann die Furt m. E. nicht gewesen sein, denn um den Verhau hinter den Sachsen zu bauen, mussten die Slawen die Raxa ja auch überquert haben. Vielleicht hatten die Ranen Spuren von dieser Überquerung gefunden, denen sie zur Furt folgten.) Die Sachsen schlugen drei Brücken über den Fluss, über die das sächsische Heer die Slawen angreifen und dank des Überraschungseffektes besiegen konnte. Stoinef und seine Männer versuchten zu fliehen, wurden aber verfolgt und zu großen Teilen erschlagen.
Auch Stoinef wurde getötet, von einem sächsischen Ritter mit Namen Hosed. Sein Kopf wurde auf dem Schlachtfeld ausgestellt und um ihn herum wurden siebenhundert Gefangene geköpft. Ich sag ja, Sympathieträger waren Ottos Leute auch nicht. Die Obodriten und ihre Verbündeten mussten sich dann doch Otto unterwerfen und ihm Tribut zahlen. Wichmann und Ekbert hatten sich nach Frankreich abgesetzt.

Die Vitalienbrüder und die Hanse

Die Vitalienbrüder und die Hanse

Im 14. Jahrhundert machten die Vitalienbrüder Nord- und Ostsee unsicher – Kaperfahrer, die zum Teil im Auftrag von Königreichen und Handelsstädten unterwegs waren. Kaperfahrer oder Freibeuter waren daher sozusagen Piraten in staatlichem Auftrag. Statt eines Solds behielten sie ihre Beute. Die Piraterie störte den Handel massiv und fügte der Hanse großen Schaden zu. Andererseits profitierte manche Handelsstadt aber auch davon, dass die Piratenbeute irgendwo auf den Markt zum Verkauf kommen musste.
Zudem mussten manche Städte auch Rücksicht auf die Vorhaben ihrer jeweiligen Landesherren nehmen. Daher waren die Städte sich uneins im Verhalten gegenüber den Freibeutern.
Stralsund und Lübeck beispielsweise erhoben Steuern, mit denen sie bewaffnete Schiffe bezahlten. Diese so genannten Friedeschiffe sollten die Handelsschiffe vor den Piraten schützen. Als ein solches Friedeschiff dürfte Ruthwer sein Schiff anfangs zur Verfügung gestellt haben.
Rostock und Wismar dagegen weigerten sich, zu diesem Zweck Steuern zu erheben, weil die Vitalienbrüder mit dem Segen des mecklenburgischen Herzogs unterwegs waren, der sie im Kampf gegen Dänemark brauchte.

Die historische Familie Wulflam in Stralsund und das Wulflamhaus

Die historische Familie Wulflam in Stralsund

Bertram Wulflam stammte aus einer Kaufmannsfamilie und seine geschickte Hand bei den Geschäften ließ ihn schnell sehr reich werden. Eine geschickte Hand hatte er auch in seinen politischen Unternehmungen als Ratsherr und als Stralsunder Bürgermeister. Der Bürgermeister einer Hansestadt spielte damals in der internationalen Politik mit und Wulflam kam eine wichtige Rolle im Krieg der Hanse gegen Dänemark zu. Nicht nur Wulflam selbst, auch Stralsund wurde zu einer der mächtigsten und reichsten Städte der Hanse.

Durch seine selbst­herrliche Art machte Wulflam sich jedoch auch Feinde und musste Stralsund 1391 verlassen, weil man ihn beschuldigte, nicht sauber mit den Finanzen der Stadt umgegangen zu sein. Er floh mit seinem Sohn Wulf nach Lübeck und legte auf den Hansetagen Beschwerde gegen den Stralsunder Rat ein. Damit hatte er Erfolg und beide kehrten 1393 nach Stralsund zurück – Bertram selbst allerdings nicht mehr als Lebender, er war kurz vorher verstorben. Wulf nahm aber seinen Sarg mit und setzte diesen auf den seinem Vater zustehenden Bürgermeisterstuhl.

Auch Wulf Wulflam war im Stralsunder Rat, wurde 1397 zum Bürgermeister gewählt und unterstützte unter anderem Margarethe von Dänemark gegen Schweden. Im Stralsunder Rat hatte Wulf aber ebenfalls Gegen­spieler. Er handelte sich Ärger ein, weil er und sein Bruder ihre Hochzeiten zu kostspielig und mit über­triebenem Prunk gefeiert hatten.

Wulf Wulflam war mit dem Ritter Starke Zuhm befreundet, einem Angehörigen eines Rügener Adelsgeschlechtes. 1405 beschuldigte man Wulf, Starke Zuhm ermordet zu haben, und eine jahrelange Fehde zwischen den beiden Familien brach aus. Starke Zuhms Sohn übte schließlich Rache und erschlug Wulf Wulflam 1409 auf dem Friedhof von Bergen auf Rügen.

Foto vom Wulflamhaus in Stralsund
Das Wulflamhaus am Alten Markt gegenüber dem Rathaus.

Das Wulflamhaus in Stralsund

In der Altstadt von Stralsund sind noch etliche der alten Giebel- und Krämerhäuser erhalten. Im Zusam­menhang mit der Sage der armen reichen Frau darf das Wulflam­haus am Alten Markt nicht unerwähnt bleiben.

Es ist ein Giebelhaus aus dem 14. Jahr­hundert im Stil der Back­steingotik. Kaufmannshäuser wurden vielfach als Giebelhaus errichtet mit einer schön gestalteten Fassade zur Straße hin. Die große Diele, die schon beim Museums­haus beschrieben wurde, hatte zum hinteren Hof ein großes Fenster, die sogenannte Lucht. Der Keller ragte bis unter die Straße und war von der Straße aus zugänglich.

Das Wulflamhaus wurde um 1360 vom Ratsherrn und späteren Stralsunder Bürgermeister Bertram Wulflam erbaut. Ursprünglich waren die vier Pfeiler der Giebel­fassade alle gleich hoch und machten den Giebel zu einem verkleinerten Abbild der Fassade des Stralsunder Rat­hauses, das ebenfalls am Alten Markt steht, gegenüber dem Wulflamhaus.

Heute befindet sich im Wulflamhaus eine Gaststätte.

Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern

Arkona wafelt …

Arkona wafelt …

Foto Luftspiegelung
Eine Luftspiegelung lässt das Schiff auf der Ostsee vor dem Darß scheinbar über dem Wasser schweben.

Das alte Wort „wafeln“ bedeutet so viel wie wabern, flattern, schweben, schwanken. Sah man etwas wafeln, so war dies die Ankündingung von Unheil. Wafelte eine Flamme des Nachts am Strand, würde dort bald ein Schiff stranden, auch Feuers­brünste kündigten sich der Sage nach durch Wafeln an.

Auch versunkene Städte wie Arkona wafeln dann und wann. Manche Quellen sagen, dass man die Stadt alle 7 Jahre bei gutem Wetter vom Steilufer aus sehen kann. Einige Texte aus dem 19. Jh. sehen im Wafeln Arkonas eine Fata Morgana, also eine Luftspiegelung, allerdings nicht des versunkenen Arkona, sondern von weiter südlich gelegenen Orten auf Jasmund. Denn Luftspiegelungen sieht man immer von Dingen in größerer Entfernung – eine Spiegelung Arkonas ist also nicht von Arkona aus zu sehen.

Dieses Phänomen, bei dem bestimmte Schichtungen warmer und kalter Luft das Licht so ins Auge lenken, dass weit entfernte Schiffe oder Inseln in der Luft zu schweben scheinen, mit­unter verzerrt oder auf dem Kopf stehend, ist auch eine mögliche Ursache der Sage vom fliegenden Holländer.

Physik-Interessierte erfahren hier mehr über Luftspiegelungen: wissenstexte.de – Luftspiegelungen

Das bleiche Mädchen – Die Sage aus der Rostocker Marienkirche

Das bleiche Mädchen – Die Sage aus der Rostocker Marienkirche

Foto der Rostocker Marienkirche
Blick von Osten auf die Marienkirche: Im Vordergrund der Chor, aus diesem erhebt sich das Mittelschiff des Langhauses. Man sieht die Fensterreihe im oberen Bereich des Mittelschiffes. Auffälliger als das Langhaus ist aus dieser Blickrichtung das Querhaus. Dahinter erhebt sich das Dach des Turms.

Vor vielen Jahren war der Küster der Marienkirche in Rostock zu bequem, die Glocken zu läuten. Stattdessen schickte er sein Dienstmädchen zum Läuten in die Kirche. Dazu musste das Mädchen auch im Winter, wenn es früh morgens und abends noch stockdunkel ist, in das finstere Gotteshaus, weil der Glockenstrang mitten in der Kirche hing. Sie hatte jedoch keine Angst vor Gespenstern und verrichtete die Arbeit ohne Furcht. Als ihr Verlobter eines Tages meinte, er würde sich das nicht trauen, erklärte sie lachend, wenn es sein müsste, würde sie auch um Mitternacht allein in die dunkle Kirche gehen. Daraufhin wollte der Verlobte sehen, wie mutig sie wirklich war, und schlich ihr nach, als sie am nächsten Abend die Glocken läuten wollte. Er hüllte sich in ein Bettlaken und polterte und jaulte nach Kräften. Sein Hund, ein großer, schwarzer Pudel, war ihm unbemerkt gefolgt.

Das Mädchen sah auch bald die weiße Gestalt und hinter dieser eine schwarze mit glühenden Augen. Sie erschrak fürchterlich, beherrschte sich aber und rief:

„Swartpoot, griep Wittpoot! Wittpoot, griep Swartpoot!“*

Kaum hatte sie die Worte gesprochen, jagten Hund und Herr wie verrückt hintereinander her. Das Mädchen rannte aus der Kirche, war von dem Schrecken aber totenbleich geworden und drei Tage später war sie tot. Auch ihr Verlobter und der Hund wurden am nächsten Tag tot in der Kirche gefunden.

Da das Mädchen eine Waise war und nichts besaß, wurde sie ohne Feier beerdigt. Doch zu ihrer Beisetzung läuteten auf einmal sämtliche Glocken der Marienkirche, die Kirche war hell erleuchtet und die Orgel spielte – und man hat nie herausbekommen, wie das vonstatten gegangen war.

*„Schwarzfuß, greif Weißfuß! Weißfuß, greif Schwarzfuß!“

Foto der Rostocker Marienkirche
Blick von Nordwesten, von der Langen Straße aus auf den Westbau mit Turm. Die unteren Bereiche stammen noch von der früheren Hallenkirche. Links dahinter erhebt sich das Querhaus.

Die Sage ist nacherzählt nach:

Albert Niederhöffer: Mecklenburg's Volkssagen. Neu editiert und mit Erläuterungen von Reno Stutz.
Bremen, Rostock, Edition Temmen, 1998

Die Originalfassung von Albert Niederhöffer entstand zwischen 1858 und 1862.

Vineta – Die Sage vom Untergang der reichen Stadt

Vineta – Die Sage vom Untergang der reichen Stadt

Foto Darsser Ort aus der Luft
Die Spitze des Darß’ aus der Luft gesehen. Auch wenn die Ostsee bereits vor 5000 Jahren ihren heutigen Wasserstand erreichte und seitdem keine Landschaften mehr verschlungen hat, ändern sich die Küstenverläufe ständig. So wird am Weststrand des Darß’ Material abgetragen und am Nordoststrand abgelagert.

Einst lag an der Ostsee die sagenhaft reiche Stadt Vineta – die Straßen waren mit Edelsteinen gepflastert und es gab sieben Mahlzeiten jeden Tag. Wer in die Stadt wollte, musste Geschenke mitbringen und Zoll zahlen, doch waren den Vinetern die Geschenke nie gut genug. Immer hochmütiger wurden sie mit der Zeit und dünkten sich als die Herren der Welt. Und eines Tages beschloss der Rat der Stadt, dass es ihnen nicht mehr zuzumuten sei, auf den normalen Lauf von Sonne und Mond zu warten. Von Stund an bestimmten sie selbst, wann Tag und wann Nacht war, indem sie die Stadt entweder mit Abertausenden von Kerzen erhellten oder aber vollständig in schwarzen Samt hüllten.

Dann jedoch erschien am Himmel das Bild ihrer gesamten Stadt. Einige sahen darin den Vorboten großen Unheils, doch die meisten lachten nur und machten weiter wie bisher. Drei Monate, drei Wochen und drei Tage danach erschien an derselben Stelle am Himmel ein Meerweib und rief mit schauerlicher Stimme:

„Vineta, Vineta, du rieke Stadt, nu sast unnergahn, hest so väl Böset dahn!“

Doch auch diesmal lachten die Leute nur und prassten und zechten weiter. Bis in einer finsteren Novembernacht sich ein Orkan erhob und Wellen so hoch wie Kirchen über die Stadt trieb und die See Vineta verschlang.

Vineta steigt alle paar Jahre wieder auf, wenn ein Sonntagskind reinen Herzens des Weges kommt. Hat dieser Mensch einen Pfennig dabei und gibt diesen den Vinetern, wird die Stadt erlöst.
Ein Hirtenjunge, der an einem Sonntag geboren wurde, kam eines Tages an den Strand. Das Meer zog sich zurück und gab Vineta frei. Der Junge lief über das kostbare Pflaster und wanderte durch die totenstille Stadt, geblendet von der Pracht. Stumm boten Händler ihre Waren an. Aber als der Junge nur bedauernd seine leeren Hosentaschen zeigte, flutete die Ostsee wieder zurück und kaum hatte der Junge das rettende Ufer erreicht, verschwand Vineta wieder im Meer.

Die Sturmflut vom 9. Januar 2019 bei Markgrafenheide

Die Sage ist nacherzählt nach:

Sebastian Lau & Leo Seidel: Geisterseher und Milchzauberinnen. Märchen und Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern.
Berlin, Edition Braus, 2014

Der Band enthält viele großformatige Fotos aus Mecklenburg-Vorpommern und ist m.E. empfehlenswert.

Der Glände. Eine Sage aus der Rostocker Heide

Die Sage aus der Rostocker Heide

Der Glände ist eine Sagengestalt aus den Wäldern zwischen Rostock und Ribnitz-Damgarten. Die Glänsäd-Schneise erinnert noch an ihn – sie liegt zwischen Graal und Neu-Hirschburg im Gelbensander Forst. Glänsäd, Gländes Sitz, ist ein Waldstück an dieser Schneise.
Hier lebte vor vielen Jahren ein Jäger, von dem es hieß, er stünde mit dem Teufel im Bunde. Er wandte einen Zauber zur Jagd an: Sein Gesicht und ganz besonders seine Augen glühten nachts feurig wie Kohlenglut. Damit lockte er das Wild heran, so nah, dass er es dann bequem erlegen konnte. Daher hat er seinen Namen, denn Glände bedeutet der Glühende. Noch vor 100 Jahren gab es den Stumpf einer Eiche, der ebenfalls den Namen Glänsäd trug. Als die Eiche noch ein stattlicher Baum war, hatte der Glände unter ihr sein Versteck, hierher lockte er das Wild. Doch irgendwann fand man ihn selbst tot unter der Eiche, mit schwarz verbranntem Gesicht. Zwar begrub man ihn rasch an Ort und Stelle, aber seitdem spukt der Glände in der Nähe der Eiche. Wann immer Jäger unter dieser Eiche auf Wild lauern, wird dieses, sobald es erscheint, durch einen schrillen Pfiff vertrieben.

Sagen um den Herthasee

Sagen um den Herthasee

Foto Herthaburg
Der Weg führt hoch über dem See um das steil abfallende Ostende des Burgwalls herum ins Innere der Wallanlage.

Mehrmals im Jahr fuhr Hertha in einem von zwei Kühen gezogenen und mit Schleiern bedeckten Wagen über Land. Anschließend wurden die Göttin sowie ihr Wagen im Herthasee gebadet, doch wurden die Sklaven, die dabei halfen, danach ertränkt, damit nichts von dem Geschehen weitergetragen werden konnte.

Auch heute soll noch oft, besonders im hellen Mondschein, eine schöne Frau aus der Richtung, wo die Herthaburg liegt, zwischen den Bäumen hervorkommen. Begleitet von vielen Dienerinnen geht sie zum See, um zu baden. Eine Weile hört man nur das Plätschern der badenden Frauen, bis sie nach einer Weile herauskommen und bedeckt von weißen Schleiern wieder im Wald verschwinden. Wird ein nächtlicher Wanderer Zeuge des Bades, zieht ihn der See unwiderstehlich an. Sobald er aber das Wasser berührt, verschlingt es ihn für immer. Man sagt, dass die Frau jedes Jahr einen Menschen in den See locken müsse.

Man durfte auch nicht mit dem Boot auf den See. Vor Jahren haben jedoch ein paar Leute dieses Verbot missachtet und sind zum Angeln auf den See gefahren. Sie ließen das Boot anschließend über Nacht am Seeufer und fanden es am nächsten Morgen hoch oben auf einer Buche wieder. Vom Grunde des Sees rief eine Stimme: „Ich und mein Bruder Nickel haben das getan.“

Foto Großsteingrab 'Pfenniggrab'
Das Pfenniggrab.

Ein in der Nähe des Herthasees liegendes Groß­steingrab trägt den Namen Pfenniggrab. Hier sollen die Priester der Hertha das Opfergeld deponiert haben.
Es handelt sich um einen Großdolmen – ein Dolmen ist ein Bauwerk aus aufrecht stehenden Tragsteinen, auf denen Decksteine lagen. Bei mehr als zwei Decksteinen spricht man von Großdolmen. Beim Pfenniggrab sind die Decksteine jedoch nicht mehr erhalten. Vermutlich dienten die Dolmen als Grabstätten.

Foto Stein mit angeblichen Fußabdrücken
Geheimnisvolle Fußabdrücke im Stein …

Die Vertiefungen auf diesem Stein in der Nähe der Herthaburg ähneln Fußabdrücken. Damit hat es der Sage nach folgende Bewandtnis:

Eine der Dienerinnen der Göttin Hertha traf sich nachts mit einem Adligen, was natürlich verboten war, denn die Dienerinnen hatten immerwährende Jungfräulichkeit geschworen. Um die Schuldige zu finden, mussten alle Die­nerinnen über den Stein steigen. Als die Verliebte den Stein betrat, drückten sich ihr Fuß und der des Kindes, das sie unter dem Herzen trug, in den Stein. Diese Fußspur überführte die Schuldige.

Zur Strafe stürzte der Priester sie die Kreide­küste hinab. Hertha jedoch hatte Erbarmen und rettete sie, indem sie sie zu ihrem Geliebten auf dessen Schiff gelangen ließ.

Der Schatz unter den Ruinen des Klosters Eldena

Der Schatz unter den Ruinen des Klosters Eldena

Foto Klosterruine Eldena
Blick auf das Kirchenschiff der Klosterkirche

Während der Reformation brachten die Mönche der Sage nach die Reichtümer des Klosters in den Gängen unter dem Kloster in Sicherheit. Dort wird der Schatz von einem teufelsähnlichen Mann und einem hässlichen Hund bewacht. Mehrere unterirdische Gänge führen der Sage nach zum Klosterschatz, einer dieser Gänge soll am Greifswalder Rathaus enden. Empfehlenswert ist eine Schatzsuche jedoch nicht, da die Schatzräuber in einen Hund verwandelt werden und anschließend selbst in dieser Gestalt den Schatz bewachen müssen – so lange, bis der nächste Goldgierige kommt, und das kann dauern ...

Foto Klosterruine eldena
Blick auf den Ostflügel des Klosters, an den links die Kirche anschließt.

Die Sage ist nacherzählt nach:

Hartmut Schmied: Geister, Götter, Teufelssteine, Sagen- & Legendenführer Mecklenburg-Vorpommern Hinstorff, Rostock, 2005

Der Klabautermann und das Elmsfeuer

Der Klabautermann

Foto Wrack bei Glowe
Anfang Januar 2019 spülte ein Sturm am Strand von Glowe auf Rügen die Reste eines Wracks aus dem 18. Jh. frei.

Den Klabautermann an Bord zu haben, brachte Glück. Man kannte ihn bereits im Mittelalter, mit dem Aufkommen moderner Dampfschiffe sank seine Bedeutung jedoch. Sein Name wird verschieden gedeutet: „Klabauter“ könnte von kalfatern kommen, dem Abdichten der Schiffe mit Pech und Werg. Andere führen den Namen auf den Ausdruck klabastern, also poltern, zurück, was sich auf die nächtlichen Geräusche bezieht, die der Klabautermann beim Reparieren des Schiffes erzeugt.

Nach einigen Überlieferungen kam der Klabautermann an Bord, wenn man den Mast aus einem Baum herstellte, in dem die Seele eines Verstorbenen wohnte. Manche sagen, der Klabautermann sei die Seele eines ungetauft gestorbenen Kindes. Pflanzte man einen Baum auf dessen Grab und fällte diesen später, um Bauholz für ein Schiff zu erhalten, hatte das Schiff später den Klabautermann an Bord.

Wie der Hauskobold war auch der Klabautermann einerseits sehr hilfsbereit, spielte andererseits den Leuten aber auch gern mal einen Streich. Boshaft konnte er vor allem dann werden, wenn man ihn ärgerte. Dann machte er nachts solchen Lärm, dass kein Matrose mehr zum Schlafen kam. Als Lohn erwartete der Klabautermann etwas Milch (oder lieber Rum) und gutes Essen verschmähte er auch nicht. Kleidung darf man ihm allerdings nicht schenken, dann verlässt er das Schiff.

Ansonsten verlässt der Klabautermann ein Schiff erst, wenn es nicht mehr zu retten ist, und zerbricht vorher das Steuer. Es sei denn, Verbrecher sind an Bord – auch dann geht der Klabautermann und mit dem Glück der Mannschaft ist es vorbei.

Bei all dem bleibt der Klabautermann unsichtbar, lediglich gute Schiffsführer bekommen ihn zu Gesicht. Für alle anderen gilt – zeigt sich der Klabautermann, droht der Untergang und wer ihn zu Gesicht bekommt, stirbt noch am selben Tag. In einigen Sagen stürzt er sich dann vom Mast des Schiffes ins Wasser. Dabei tanzte häufig blaues Licht in den Rahen als Todesdrohung.

Weil ihn deshalb nur wenige gesehen und dies überlebt haben, sind Auskünfte zu seinem Äußeren unsicher. Er soll ein greisenhaftes Männchen sein, gedrungen mit roten Pausbacken und meerblauen Augen und seegrünen Zähnen.

Elmsfeuer

Foto Elektrische Entladung in Luft
Elektrische Entladung in Luft

Die blauen Flammen, die mit dem Klabautermann erscheinen, haben eine naturwissen­schaftliche Erklärung: das Elmsfeuer. Dabei handelt es sich um eine elektrische Entladung (eine Art Mini-Blitz), die in der Nähe von Gewittern an hohen Gegenständen wie Masten auftreten kann. Da die nahenden Gewitter oft Sturm mit sich bringen, liegt es nahe, im Elmsfeuer ein böses Omen zu sehen.

Das Foto zeigt eine künstlich erzeugte Entladung in Luft – sie hat die gleiche Farbe.

Ruthwer und der Klabautermann – eine Sage von der Insel Rügen

Ruthwer und der Klabautermann

Eine Sage von der Insel Rügen

Foto Kogge Wissemara

nacherzählt und zusammengefasst nach: Siegfried Harmel: Sagen vom Klabautermann, Hinstorff, Rostock, 2013

Das Foto zeigt die Poeler Kogge Wissemara bei der Hanse Sail 2012 in Rostock. Die Wissemara ist ein Nachbau einer Kogge aus dem 14. Jahrhundert, deren Wrack in der Wismarbucht entdeckt wurde. Das Schiff wird betrieben vom Förderverein Poeler Kogge e.V.

Zu der Zeit, als die Vitalienbrüder in der Ostsee ihr Unwesen trieben, lebte auf Rügen der Schiffer Ruthwer. Er erhielt von seinem Vater ein altes, kleines Schiff.

Das Geheimnis dieses morschen Schiffes war eine Kiste, an die der Klabautermann ge­bunden war. Solange die Kiste sich an Bord befand, würde das Schiff seinem Besitzer Segen und Wohlstand bringen.

So geschah es auch. Ruthwer ließ sich von den Städten anheuern, um mit seinem wendigen Schiff die Piratenschlupfwinkel aufzuspüren. Dabei lockte ihn mehr der Ruhm als der in Aussicht gestellte Lohn. Er war äußerst erfolgreich und die Städte konnten den Piraten viele Schiffe abnehmen.

Ruthwers Vorgänger jedoch war neidisch auf den Erfolg und sann auf Rache. Er trat bei Ruthwer in Dienst, um ihn auf hoher See zu ermorden. Auf dieser Fahrt wurde aus dem geschäftigen nächt­lichen Klopfen des Klabautermanns ein heftiges Schlagen, das der Mannschaft Angst einjagte. Ruthwer erkannte die Warnung, wusste aber nicht, wovor ihn der Klabautermann warnen wollte. Er ließ die Mannschaft antreten und der Schuldige, halb wahnsinnig wegen des Lärms, bekannte seinen Mordplan. Nachdem er über Bord gestürzt war, wich der bedroh­liche Lärm wieder dem fleißigen Klopfen des Klabautermanns.

Dann baute Ruthwer ein größeres, schöneres Schiff, das er dem Seemann Fife übergeben wollte. Noch während der Verhandlungen mit diesem wurde aber das alte Schiff des Nachts zerstört. Ruthwer erkannte darin das Zeichen des Klabautermanns: Nun war die Zeit reif, dass er und Ruther auf das neue Schiff übersiedeln sollten. Doch Fife nahm Ruthwer übel, dass er nun unter Ruthwers Kommando fahren sollte, statt ein eigenes Schiff zu bekommen.

Ruthwer stieg der Erfolg zu Kopf, ihn erfasste nun doch die Goldgier.

Er hielt es allmählich für lohnenswerter, auf eigene Rechnung statt im Dienste der Städte zu segeln. Das nutzten die Vitalienbrüder aus. Sie bestachen Fife, der wiederum Ruthwer überredete, sich den Seeräubern anzu­schließen. Ruthwer hinterging die Städte und überließ ein Handels­schiff, welches er eigentlich beschützen sollte, den Piraten.

Ruthwer wurde fortan zum Schrecken der Meere, seine Macht und sein Reichtum nahmen zu. Doch bezahlte er dies mit seiner Nachtruhe. Ab der ersten verbrecherischen Tat machte der Klabautermann deutlich, dass er kein Raubgut auf seinem Schiff duldete – er zerstörte geraubte Ballen und Kisten oder warf sie ins Meer. Des Nachts schlug er gewaltig an die Wände des Schiffes und blaue Flammen zeigten sich an Masten und Rahen.

Fife plante immer noch, an Ruthwers Stelle das Schiff zu über­nehmen. Die Mannschaft hatte bemerkt, dass ihr Kapitän einen Glücksbringer an Bord haben musste. Fife brachte schließlich in Erfahrung, dass es sich bei dem Talisman um die Kiste und den Klabautermann handelte.

Der nächtliche Lärm schwoll derweil zum Tumult an, donnernde Schläge und Wimpel aus blauen Flammen ängstigten die Seeleute. Fife forderte Ruthwer auf, er möge die Kiste über Bord werfen, um dem ein Ende zu machen. Ruthwer ging hinunter und nahm die Kiste.

Doch da vernahm er eine leise Stimme: „Ruthwer, ich verlasse dich!“

Erschrocken legte er die Kiste an ihren Platz zurück.

Von Stund an unternahm Ruthwer keine Raubzüge mehr. Sich vollständig von den Vitalienbrüdern loszusagen, dazu fehlte ihm jedoch der Mut. Deshalb wurde der Klabautermann ruhiger, verstummte aber nicht.

Ruthwers größter Fehler jedoch war, weiterhin Fife zu vertrauen. Dieser warnte ihn, die Seeräuber würden sich seine plötzliche Untätigkeit beim Kapern nicht gefallen lassen, und ließ die Goldgier in Ruthwer von neuem er­wachten. Sobald Ruthwer wieder auf Kaperfahrt ging, begann auch das Hämmern des Klabautermanns wieder.

Ruthwer begann, den Schiffsgeist zu verwünschen. Fife bestärkte ihn in dem Gedanken, er sei nur selbst für sein Glück oder Unglück verantwortlich und schließlich überredete er ihn, die Kiste über Bord zu werfen. Diesmal blieb es totenstill in der Kiste. Als sie im spiegelglatten Wasser versank, ertönte ein schmerzvoller Schrei wie von einer menschlichen Stimme.

Das Toben und Poltern auf dem Schiff war endgültig verstummt, die Seeleute freuten sich über die Ruhe. Nur dem Unterbootsmann fiel auf, dass es dem Schiff schlechter ging – Segel und Taue rissen, ständig tauchten Löcher auf und die Bretter hielten nicht. Zu allem Unglück lief das Schiff bald nach dem Abgang des Klabautermanns auf eine Klippe auf, die ein Leck hineinriss.

Innerhalb der Mannschaft brach Streit aus, den Fife nutzte, um Ruthwer zu überwältigen und im Unterdeck einzusperren. Doch Fife konnte die Herrschaft über das Schiff nicht lange genießen, denn Ruthwers Getreue brachten ihn um. Danach brachen Mord und Totschlag aus. In dem Blutvergießen dachte niemand mehr ans Segeln und ein Sturm trieb das Schiff hinaus auf die offene See. Masten und Segel zerfetzte der Orkan, bis nur noch ein Wrack übrig war.

Zwölf Tage trieben Ruthwer und wenige Überlebende über die See, bis endlich die Segel eines Schiffes zu sehen waren. Doch im Anblick der nahenden Rettung versanken die Trümmer des Schiffes und zogen Ruthwer und seine Leute mit hinab auf den Grund des Meeres.

Wen der Klabautermann aufgegeben hat, den wird kein Mensch retten können.

Die arme reiche Frau – eine Sage aus Stralsund

Die arme reiche Frau – eine Sage aus Stralsund

Foto der Stralsunder Marienkirche
Den Turm der Kirche St. Marien kann man während der Öffnungszeiten besteigen und hat von dort einen schönen Blick über die Stadt Stralsund und die Altstadt.

Vor vielen Jahren lebte in Stralsund am Alten Markt der unermesslich reiche Kaufmann und Rathsherr Wolf Wolflamm. Wolflamm war dabei aber auch hochmütig und verschwenderisch und seine Frau übertraf ihn noch darin. Die Strafe des Himmels blieb nicht aus. Denn in seinem Hochmut entfachte der Handelsherr einen Streit und wurde von Einem von Zaun auf dem Kirchhof von Bergen auf Rügen erschlagen.

Seine Frau wurde daraufhin noch verschwenderischer und verprasste alles. Ihr blieb nur eine silberne Schale, die sie als Andenken an die guten Zeiten nicht verkaufen wollte. Mit dieser musste sie schließlich betteln gehen. Mit den Worten, man möge der armen reichen Frau doch ein Stück Brot geben, bat sie die Leute um eine Gabe. Während sie früher nur feinsten Rigaer Flachs auf dem heimlichen Gemache benutzt hatte, musste sie nun ihre ehemalige Dienstmagd um etwas Leinen anbetteln, weil sie kein Hemd mehr auf dem Leib hatte.

Die Magd gab ihr das Leinen mit der Bemerkung, dass sie den Flachs dazu von dem Flachs aufgehoben habe, den die arme reiche Frau früher so sündhaft auf dem Gemach zu brauchen pflegte.

Foto vom Stralsunder Rathaus
Das Stralsunder Rathaus steht am Alten Markt neben der Kirch St. Nikolai.

Die Sage ist nacherzählt nach:

Die Volkssagen von Pommern und Rügen, gesammelt von J. D. H. Temme. Nicolaische Buchhandlung, Berlin, 1840.

Die Sage vom Boitiner Steintanz

Die Sage vom Boitiner Steintanz

Foto Foto vom abseits liegenden kleineren Steintanz
Der Trick, rückwärts durch seine Beine zu sehen, nützte dem Schäfer nichts: Er und seine Schafe wurden versteinert und bilden den Kleinen Steintanz ein Stück vom Großen Steintanz entfernt.

Vor Nördlich des Boitiner Steintanzes liegt das Dorf Dreetz. Vor langer Zeit wurde dort eine große Hochzeit gefeiert. Die Gäste wurden immer ausgelassener und schließlich kamen sie in ihrem Übermut auf die Idee zu kegeln – aber nicht mit Spielfiguren, sondern mit Würsten, Broten und Kuchen. Da erschien ein Geist in Gestalt eines alten Mannes auf dem Fest und ermahnte die Feiernden, diesen Frevel zu beenden. Die Gäste hörten jedoch nicht auf die mahnenden Worte, verspotteten den alten Mann und lachten ihn aus.

Auf der Stelle ereilte die Übermütigen ihre Strafe – sie wurden alle in Steine verwandelt. Sie stehen noch heute dort, wo die drei Steinkreise des Großen Steintanzes stehen, erstarrt mitten im Reigentanz.

In der Nähe weidete ein Schäfer seine Schafe. Er hatte dem frevelhaften Treiben zugeschaut, ohne sich zu beteiligen. Der Geist warnte ihn daher, er solle mit seinen Schafen fliehen und sich auf keinen Fall umdrehen. Der Schäfer tat wie geheißen und lief davon. Als er aber bereits ein Stück vom Festplatz entfernt war, übermannte ihn doch die Neugier. Er wandte einen Trick an: Da ihm das Umdrehen verboten war, bückte er sich und sah zwischen seinen Beinen hindurch nach hinten. Aber so leicht war der Fluch nicht zu überlisten, auch der Schäfer und seine Schafe wurden im gleichen Augenblick zu Stein. Sie stehen heute als Kleiner Steintanz ein Stück südlich des Großen Steintanzes.

Es ist möglich, die Verwunschenen zu erlösen. Am Johannistag, also am 24. Juni, hängt aus der Brautlade, dem größten Stein im Großen Steintanz, ein roter Faden heraus – und zwar aus dem zwölften Loch dieses Steins. Wer um Mitternacht diesen Faden herauszieht, erlöst die Hochzeitsgesellschaft und den Schäfer und kann obendrein den Schatz, der in der Brautlade liegt, behalten.

Die Sage ist nacherzählt nach:

der Info-Tafel, die sich bei den Steintänzen von Boitin befindet.

Kreatives aus Mecklenburg-Vorpommern

Bernstein und anderes

Arkona wafelt …

Arkona wafelt …

Foto Luftspiegelung
Eine Luftspiegelung lässt das Schiff auf der Ostsee vor dem Darß scheinbar über dem Wasser schweben.

Das alte Wort „wafeln“ bedeutet so viel wie wabern, flattern, schweben, schwanken. Sah man etwas wafeln, so war dies die Ankündingung von Unheil. Wafelte eine Flamme des Nachts am Strand, würde dort bald ein Schiff stranden, auch Feuers­brünste kündigten sich der Sage nach durch Wafeln an.

Auch versunkene Städte wie Arkona wafeln dann und wann. Manche Quellen sagen, dass man die Stadt alle 7 Jahre bei gutem Wetter vom Steilufer aus sehen kann. Einige Texte aus dem 19. Jh. sehen im Wafeln Arkonas eine Fata Morgana, also eine Luftspiegelung, allerdings nicht des versunkenen Arkona, sondern von weiter südlich gelegenen Orten auf Jasmund. Denn Luftspiegelungen sieht man immer von Dingen in größerer Entfernung – eine Spiegelung Arkonas ist also nicht von Arkona aus zu sehen.

Dieses Phänomen, bei dem bestimmte Schichtungen warmer und kalter Luft das Licht so ins Auge lenken, dass weit entfernte Schiffe oder Inseln in der Luft zu schweben scheinen, mit­unter verzerrt oder auf dem Kopf stehend, ist auch eine mögliche Ursache der Sage vom fliegenden Holländer.

Physik-Interessierte erfahren hier mehr über Luftspiegelungen: wissenstexte.de – Luftspiegelungen

Bernstein, das Gold der Ostsee

Bernstein, das Gold der Ostsee

Foto einer Zuckmücke in Bernstein
Eine echte Inkluse: Eine ca. 1 mm große Zuckmücke in einem Bernstein von der Ostsee, etwa 30 bis 50 Mio. Jahre alt. Diesen Bernstein habe ich nicht am Strand gefunden, sondern gekauft.

Mit etwas Glück kann man an den Ostsee-Stränden Mecklenburg-Vorpommerns Bernstein finden – das 40 bis 50 Millionen Jahre alte Harz der Bernsteinkiefer, deren Wälder sich damals hier erstreckten.

Mit sehr viel Glück findet man sogar Bernstein mit Inklusen – so bezeichnet man im Stein eingeschlossene Tiere oder Pflanzenteile.

In der Antike und im Mittel­alter wurden dem Bernstein heilende Kräfte zuge­schrieben, in der Homöo­pathie gibt es auch heute Medikamente, die Bernsteinsäure enthalten.
Rezepte für die Verwendung von gemahlenem Bernstein sind u. a. aus dem 17. Jh. überliefert. Ob es wirklich hilft oder schadet, weiß ich nicht, das fragen Sie am besten Ihren Arzt ...

Foto der Kirche des Klarissenklosters in Ribnitz-Damgarten
Blick auf das Klarissenkloster in Ribnitz-Damgarten

Im ehemaligen Klarissenkloster in Ribnitz-Damgarten befindet sich heute das Deutsche Bernsteinmuseum. 1325 begann man mit dem Bau des Klosters, von den ursprünglichen Klostergebäuden gibt es nur noch die Kirche aus dem 14. Jh. Ab 1954 entstand dann das Bernsteinmuseum.
Wenn es einem nicht selbst gelungen ist, Bernstein mit Inklusen zu finden, kann man sich hier einige schöne Exemplare ansehen.

Bernstein suchen und erkennen

Bernstein suchen und erkennen

Foto vom Darsser Weststrand
Unter anderem am Weststrand vom Darß kann man nach Stürmen Bernstein finden.

Die Dichte von Bernstein ist nur wenig höher als die von Wasser. Das bedeutet, dass er leicht von Stürmen vom Grund des Meeres aufgewühlt und an den Strand gespült werden kann. Das geht umso leichter, je höher die Dichte des Wassers ist. Die Dichte des Wassers aber nimmt mit sinkender Temperatur zu – bei 4 °C hat sie ihr Maximum erreicht, darunter nimmt sie wieder ab. Ebenso bewirkt die Zugabe von Salz, dass sich die Dichte des Wassers erhöht.

Am leichtesten findet man Bernstein daher nach Winterstürmen mit auflandigem Wind. Weshalb die Bernsteinsuche eine kalte Angelegenheit sein kann ...

Um zu erkennen, ob man tatsächlich Bernstein gefunden hat, kann man verschiedene Tests durchführen:

Der durch Reibung elektrisch aufgeladene Bernstein wird in die Nähe des dünnen Wasserstrahls gehalten und verbiegt diesen. Erläuterungen zur Reibungselektrizität finden Interessierte hier: https://physik.wissenstexte.de/wimshurst.htm, Stichwort: Reibungselektrizität.

– Man kann ihn verbrennen. Wenn der Stein brennt und würzig duftet, dann war es tatsächlich Bernstein. Leider ist er aber danach beschädigt oder sogar verschwunden. Besser ist daher eine

– Man kann seine Dichte prüfen: Löst man etwa 3 Esslöffel Salz in einem Viertelliter Wasser auf, schwebt Bernstein in dieser Lösung. Echte Steine sinken zu Boden.

– Reibt man Bernstein an einem Wolltuch, lädt er sich elektrostatisch auf und zieht anschließend Papierschnipsel an oder verbiegt dünne Wasserstrahlen. Dieses Phänomen war bereits den alten Griechen bekannt, deshalb benannte man die Elektrizität nach dem griechischen Wort Elektron für Bernstein.

Vorsicht – man kann Bernstein mit angeschwemmtem Phosphor aus Weltkriegsbomben verwechseln und sich Verbrennungen zuziehen, da dieser sich selbst entzünden kann. Informieren Sie sich!

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© Wiebke Salzmann; aktualisiert Januar 2023