• Wiebke Salzmann

    freie Lektorin und Autorin

  • Text-Wirkerei

  • Wirken an Texten – Wirken von Texten

Fenedow

Eine Krimikarte aus der Text-Wirkerei

Die besondere Grußkarte mit dem besonderen Krimi – inspiriert durch Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern.

– Die Sage zum Untergang Vinetas
– Wo lag Vineta wirklich?
– Leseprobe aus dem Krimi „Fenedow“

Die Krimikarte „Fenedow“

Die Krimikarte ist eine 6-seitige Klappkarte, in deren Innerem sich ein Heft mit einem Kurzkrimi befindet – der einen Bezug zu einer Sage aus Mecklenburg-Vorpommern hat. Die Originalsage befindet sich auf der Rückseite der Karte (und im nächsten Textabschnitt dieser Webseite).
Genaueres zur Krimikarte gibt es hier: Krimi-Karte.

Die Krimis spielen an fiktiven Orten in einer fiktiven Gegend an der Ostseeküste. Die Sagen gehören natürlich zu realen Stätten – wenn es zu diesem auch im Falle von Vineta unterschiedliche Auffassungen gibt.

Titel der Krimikarte

Krimikarte „Fenedow“

Klappkarte (6-seitig) im DL-Format mit mit Heft (52 Seiten) im DIN-A6-Format

bestellbar im Shop der Text-Wirkerei
zum Preis von 5 € inkl. MwSt zzgl. Versandgebühr


Vineta – Die Sage vom Untergang der reichen Stadt

Foto Darsser Ort aus der Luft
Die Spitze des Darß’ aus der Luft gesehen. Auch wenn die Ostsee bereits vor 5000 Jahren ihren heutigen Wasserstand erreichte und seitdem keine Landschaften mehr verschlungen hat, ändern sich die Küstenverläufe ständig. So wird am Weststrand des Darß’ Material abgetragen und am Nordoststrand abgelagert.

Einst lag an der Ostsee die sagenhaft reiche Stadt Vineta – die Straßen waren mit Edelsteinen gepflastert und es gab sieben Mahlzeiten jeden Tag. Wer in die Stadt wollte, musste Geschenke mitbringen und Zoll zahlen, doch waren den Vinetern die Geschenke nie gut genug. Immer hochmütiger wurden sie mit der Zeit und dünkten sich als die Herren der Welt. Und eines Tages beschloss der Rat der Stadt, dass es ihnen nicht mehr zuzumuten sei, auf den normalen Lauf von Sonne und Mond zu warten. Von Stund an bestimmten sie selbst, wann Tag und wann Nacht war, indem sie die Stadt entweder mit Abertausenden von Kerzen erhellten oder aber vollständig in schwarzen Samt hüllten.

Dann jedoch erschien am Himmel das Bild ihrer gesamten Stadt. Einige sahen darin den Vorboten großen Unheils, doch die meisten lachten nur und machten weiter wie bisher. Drei Monate, drei Wochen und drei Tage danach erschien an derselben Stelle am Himmel ein Meerweib und rief mit schauerlicher Stimme:

„Vineta, Vineta, du rieke Stadt, nu sast unnergahn, hest so väl Böset dahn!“

Doch auch diesmal lachten die Leute nur und prassten und zechten weiter. Bis in einer finsteren Novembernacht sich ein Orkan erhob und Wellen so hoch wie Kirchen über die Stadt trieb und die See Vineta verschlang.

Vineta steigt alle paar Jahre wieder auf, wenn ein Sonntagskind reinen Herzens des Weges kommt. Hat dieser Mensch einen Pfennig dabei und gibt diesen den Vinetern, wird die Stadt erlöst. Ein Hirtenjunge, der an einem Sonntag geboren wurde, kam eines Tages an den Strand. Das Meer zog sich zurück und gab Vineta frei. Der Junge lief über das kostbare Pflaster und wanderte durch die totenstille Stadt, geblendet von der Pracht. Stumm boten Händler ihre Waren an. Aber als der Junge nur bedauernd seine leeren Hosentaschen zeigte, flutete die Ostsee wieder zurück und kaum hatte der Junge das rettende Ufer erreicht, verschwand Vineta wieder im Meer.

Die Sturmflut vom 9. Januar 2019 bei Markgrafenheide

Die Sage ist nacherzählt nach:

Sebastian Lau & Leo Seidel: Geisterseher und Milchzauberinnen. Märchen und Sagen aus Mecklenburg-Vorpommern.
Berlin, Edition Braus, 2014

Der Band enthält viele großformatige Fotos aus Mecklenburg-Vorpommern und ist m.E. empfehlenswert.


Wo lag Vineta wirklich?

Die Marienkirche in Barth'
Das Foto zeigt die Marienkirche in Barth, vom Marktplatz aus gesehen. Die ältesten Teile dieses typischen Vertreters der Backsteingotik stammen aus dem 13. Jh.

Vineta, die reiche, im Meer versunkene Stadt der Sage hatte wohl ein reales Vorbild – aber wo dieses gelegen hat, darüber gibt es verschiedene Theorien.
Historische Quellen aus dem 10. und 11. Jh. sprechen von einer reichen Handelsstadt an der Odermündung, die im 12. Jh. von den Dänen angegriffen und zerstört worden sein soll. Im Laufe der Jahrhunderte verschwand das Wissen um den Standort des historischen Vineta und es entstand die Sage von der Stadt, die zur Strafe für den Hochmut ihrer Bewohner von den Fluten verschlungen wurde. Im 16. Jh. begann man, den Standort Vinetas zu suchen und vermutete ihn zunächst bei Koserow auf Usedom. Im 19. Jh. favorisierte man Wollin, wo später archäologische Grabungen nachwiesen, dass im 10.–12. Jh. hier ein bedeutender Seehandelsplatz lag. Allerdings werden in einigen Quellen Vineta und Wollin als zwei Städte genannt.

Foto des Dammtores in Barth
Barth ist ein möglicher Standort des berühmten Vineta.
Das Foto zeigt das Dammtor in Barth, das um 1425 errichtet wurde.

Eine weitere Möglichkeit wäre, dass die Oder zur Blütezeit Vinetas noch einen weiteren Mündungsarm hatte, der durch ein Urstromtal westlich von Rügen geflossen wäre und im Saaler Bodden die Ostsee erreicht hätte. Vineta hätte dann bei Barth gelegen. Dies würde einige Widersprüche zwi-schen geografischen Gegebenheiten und den Beschreibungen in den alten Texten beseitigen, bislang fehlen jedoch Funde, die diese Theorie belegen. Es könnte sogar so gewesen sein, dass die Bewohner Vinetas nach dem Überfall der Dänen flohen und sich dann bei Wollin niederließen.

Barth nennt sich Vinetastadt, denn eine der Theorien zum Standort Vinetas sieht diesen bei Barth. Im Dachgeschoss des Vineta-Museums in Barth erfährt man allerlei Wissenswertes zu Vineta.


Leseprobe aus dem Krimi „Fenedow“

Das Cover zum Krimi 'Fenedow'
Das Cover des Krimis „Fenedow“

Was das Personal angeht, fällt dieser Krimi aus der Reihe, lediglich Hauptkommissarin Katharina Lütten und der schweigsame Finn treten in Nebenrollen auf.

Die sagenhafte untergegangene Stadt hat im Krimi den Namen Fenedow.
Auf deren Grund steht Insas geerbtes Häuschen, in dem Insa ein Zuhause zu finden hofft. Doch Immobilienhaie, Anschläge und rothaarige Geister drohen, ihren Plänen ein Ende zu machen ...

Herr Erichsen fuhr sich verlegen durch sein graues Haar. Er wirkte tatsächlich wie der Immobilienmakler ihres Vertrauens, als der er sich bewarb, fand Insa. Der Makler stand auf, schloss rasch die Tür und setzte sich wieder. „Tja, also wissen Sie – das war wirklich etwas seltsam. Wann immer ich mit einem Kunden bei Ihrem Haus auftauchte, passierten diese ... Sachen.“

„Sachen?“ Insa wappnete sich innerlich für eine neue Geistergeschichte. Großmutters Haus war uralt, angeblich mehrere hundert Jahre, und die Lieblingsgeschichte von Insas Grundschulfreundin war die, in der es das letzte Haus der untergegangenen Stadt war.

„Bei der ersten Kundin flog ein Stein durchs Fenster, gerade als ich ihr die Küche zeigte. Es fehlte nur so viel und das Geschoss hätte der Dame eine ordentliche Beule verpasst. Irgendwann – beim dritten Mal, glaube ich – war die Eingangstreppe mit einem glitschigen Zeug beschmiert. Zum Glück bin ich ausgerutscht und nicht der Kunde. Es wäre nicht sehr geschäftsfördernd gewesen, wenn der sich den Knöchel gebrochen hätte statt meiner Wenigkeit.“

Insa richtete sich auf. Das klang nun nicht nach den schwebenden, tropfnassen Schemen aus den alten Erzählungen, die nichts Schlimmeres taten, als suchend durch das Haus zu wandern und mit bleichen Gesichtern und ausgestreckten Armen stumm um irgendetwas zu bitten.

„Beim zweiten Mal waren nach dem Hausbesuch alle vier Autoreifen zerstochen. Das war wirklich unangenehm, denn es war das Auto der Kundin. Und so ging das weiter. Eine Besichtigung musste ich sogar absagen, wegen eines Feuerwehreinsatzes. Der Schuppen brannte. Am schlimms­ten war der tote Hahn. An die Tür genagelt. Ich kann Ihnen sagen ... wie bei der Mafia.“

Insa war sprachlos. Jede noch so bescheuerte Geistergeschichte wäre ihr lieber gewesen. Schließlich fand sie die Sprache wieder. „Und dieser Pagel ... “

„Pagel Immobilien. Die haben sich nie bei mir gemeldet. Nie. Ich konnte und durfte aber auch nicht von mir aus auf die zugehen. Weil – Ihre Großmutter wollte nicht an diese Firma verkaufen. Partout nicht. Sie meinte, das Haus stehe jetzt seit achthundert Jahren an dem Platz und das solle es noch weitere achthundert Jahre tun. So ein Hotelkasten käme nur über ihre Leiche auf ihr Grundstück. Ich hatte eigentlich erwartet, dass ‚Pagel Immobilien‘ sich bei mir meldet, denn die brauchen das Grundstück für ihre Pläne. Sonst haben sie keinen Strandzugang für ihr Hotel.“

Insa nickte. „Ja, meine Oma hat sogar ihr Testament geändert, ich darf das Haus auch nicht an die ver­kaufen. An jeden anderen, aber nicht an die.“

Wo war der Sinn bei all dem? Wer attackierte ihre potenziellen Hauskäufer? Und warum? Gespenster zerstachen keine Autoreifen. Es gab nur eine Erklärung ...

„Und wenn die dahinterstecken? Die von Pagel Immobilien? Wenn die versuchen, mich doch zum Verkauf an die zu zwingen? Indem alle anderen Käufer vergrault werden? Und so nebenbei damit auch gleich den Preis zu drücken? Um dann zuzuschlagen, wenn ich das Ganze für den berühmten Appel und das Ei verkaufe?“

Denn der Notar hatte Insa am Vormittag erklärt, dass das Verkaufsverbot im Testament zwar an sich bindend war, sie es im Grunde aber ungestraft ignorieren könnte, weil es weder Miterben gab noch Oma einen Testamentsvollstrecker eingesetzt hatte, der die Einhaltung einfordern könnte. Hätte ihre Oma sich mit dem neuen Testament an ihn gewandt, hätte er ihr das geraten, aber dazu war sie ja nicht mehr gekommen.

Die Art, wie Herr Erichsen nickte, sagte Insa deutlich, dass Insas Verdacht genau das war, was er dachte. „Und der Hauptgrund, warum ich Ihren Auftrag zurückgeben möchte ... ich habe Angst. Schlicht Angst. Ein gebrochener Knöchel reicht mir.“

*

Foto Weststrand Darss
Am Weststrand des Darß’ liegen von vergangenen Hochwassern ent­wurzelte Bäume.

Insa kontrollierte zum dritten Mal, ob beide Türen abgeschlossen waren. Kritisch musterte sie das alte Schloss der Hintertür. Sie musste bei nächster Gelegenheit nach Spökenitz und einen Sicherheitsriegel, oder was immer es da gab, besorgen. Das Haus lag idyllisch, am Waldrand, die Dünen begannen direkt hinter dem Garten. Aber es lag auch einen Kilometer entfernt vom Rest des Dorfes.
Andererseits durfte sie sich nicht verrückt machen. Gut, der Arzt und der Immobilienmakler waren vertrauenswürdigere Gesprächspartner als Gitte, trotzdem klangen all die Geschichten doch ein bisschen nach zu viel Fantasie. Das hier war ein gottverlassenes Nest an der Ostseeküste, hierher verirrten sich weder Gespenster noch Verbrecher. Entschlossen stieg Insa die Treppe hinauf und betrat das Schlafzimmer. Beim Anblick von Omas Bett verwarf sie ihr Vorhaben jedoch, heute dort zu nächtigen. Nach den feuchten Wochen, die das Haus jetzt ungeheizt gewesen war, war das Bettzeug klamm und überhaupt – es war immer noch Omas Bett. Also doch das Klappbett in ihrem früheren Zimmer. Aber auch hier war die Bettdecke klamm. Ratlos stand Insa eine Weile vor dem Bett, das zehn Jahre lang ihres gewesen war, bis sie das Dorf verlassen hatte. Dann ging sie zurück in die Stube. Hier gab es wenigstens den Kaminofen, den Oma irgendwann anstelle des offenen Kamins hatte aufstellen lassen. Es lag genug Holz daneben, sie musste nicht noch in die Dunkelheit zum Holzstapel hinaus. Insa entfachte ein Feuer im Kamin und kuschelte sich in Omas Wolldecke. Doch erst als Winnieh sich behäbig vor dem Sofa niedergelassen hatte, konnte sie einschlafen.

Aus tiefem Schlaf schreckte Insa auf. Taghell schien es ins Zimmer. Sie hatte vergessen, die Vorhänge zuzuziehen, nun prallte die Morgensonne ... nein. Das war kein Sonnenlicht. Das war – Kerzenlicht. Licht von abertausenden von Kerzen. Als hätte jemand den Garten voller Kerzenleuchter gehängt. Dann hörte sie auch das Lachen, die Musik. In ihrem Garten fand eine Party statt. Eine Party, deren Musik aus dem Mittelalter stammte. Schalmeien, Lauten und Tamburine quäkten und klapperten durch die Nacht. Insa setzte sich auf, ihr Blick fiel auf die Uhr auf dem Büfett. Die Uhr zeigte fünf nach zwölf. Geisterstunde. Sie rief sich zur Ordnung. Geister – von wegen. Vermutlich hatte sich ihre Rückkehr immer noch nicht herumgesprochen und irgendwelche Kids feierten eine Grufti-Party in ihrem Garten. Sie richtete sich auf, um zum Fenster zu gehen. Je nachdem, wie viele da Party machten, würde sie entscheiden, ob sie selbst für Ordnung sorgte oder die Polizei rief. Als sie sich zum Fenster wandte, vergaß sie beides und erstarrte mitten in der Bewegung.
Davor stand eine Frau. Sie war noch jung, eher ein Mädchen, höchstens fünfzehn oder sechzehn Jahre alt. Eine rote Mähne umwehte träge ihr Gesicht, als würde ein leichter Wind hindurchwehen – nein, es war eher, als würde sie im Wasser schweben. Die Haare flossen strähnig, als wären sie nass. Das Mädchen war blass, eigentlich schon bleich, die Lippen blau. Das Gewand war gerade geschnitten, fiel bis auf den Boden und das Wasser triefte nur so aus dem Leinenstoff. Um die Hüfte trug die Gestalt einen Gürtel aus Metallgliedern, Bronze vielleicht. Darüber ein blauer Mantel, ebenfalls dunkel vor Nässe. Das Mädchen streckte die Hand aus, es schien um etwas zu bitten, der Mund formte Worte, aber die Laute gingen unter im anschwellenden Rauschen der See. Das Meer brauste, wie Insa es an der Ostsee noch nie gehört hatte. Weit hinten in ihrem erstarrten Hirn tauchte der vage Gedanke auf, sie müsste nachsehen, ob eine Sturmflut ihr Haus bedrohte, doch sie war unfähig, sich zu rühren. Sie hockte auf dem Sofa und starrte die rothaarige Gestalt an. Die großen braunen Augen der jungen Frau verzogen sich wie im Schmerz, dann wurde die Gestalt von etwas Unsichtbarem weggerissen – wie von unsichtbaren Fluten fortgeschwemmt. In Stube und Garten war es wieder dunkel und nichts war zu hören als das Tosen des Meeres. Bis auch das leiser wurde und abschwoll auf das ruhige Hin und Her der gewöhnlichen Ostseewellen.


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© Wiebke Salzmann