• Wiebke Salzmann

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Der Westentaschenkrimi „Der Glände“

Leuchtende Augen in einem schwarzen Gesicht – so wird er beschrieben, der Geist des Wilderers, der auf der Insel Glänsäd spuken soll. Aber es ist wohl kaum ein Geist, der den Bauunternehmer Burmester auf dem Gewissen hat. Wer verfolgt die Biologin Svenja Hansen, die auf der Insel die Natur beobachten soll? Und was hat es mit dem Goldschatz der von Musing-Dotenows auf sich?

Westentaschenkrimi „Der Glände“

92 Seiten im DIN-A6-Format (hochkant)
5 € inkl. MwSt zzgl. Versandgebühr

Erhältlich im Shop

Die Krimis spielen an fiktiven Orten an der Ostseeküste von Mecklenburg-Vorpommern. Der Glände ist eine Sagengestalt aus den Wäldern zwischen Rostock und Ribnitz-Damgarten, die ich kurzerhand auf eine Insel verlegt habe.

Die Sage aus der Rostocker Heide

Die Sage aus der Rostocker Heide

Der Glände ist eine Sagengestalt aus den Wäldern zwischen Rostock und Ribnitz-Damgarten. Die Glänsäd-Schneise erinnert noch an ihn – sie liegt zwischen Graal und Neu-Hirschburg im Gelbensander Forst. Glänsäd, Gländes Sitz, ist ein Waldstück an dieser Schneise.
Hier lebte vor vielen Jahren ein Jäger, von dem es hieß, er stünde mit dem Teufel im Bunde. Er wandte einen Zauber zur Jagd an: Sein Gesicht und ganz besonders seine Augen glühten nachts feurig wie Kohlenglut. Damit lockte er das Wild heran, so nah, dass er es dann bequem erlegen konnte. Daher hat er seinen Namen, denn Glände bedeutet der Glühende. Noch vor 100 Jahren gab es den Stumpf einer Eiche, der ebenfalls den Namen Glänsäd trug. Als die Eiche noch ein stattlicher Baum war, hatte der Glände unter ihr sein Versteck, hierher lockte er das Wild. Doch irgendwann fand man ihn selbst tot unter der Eiche, mit schwarz verbranntem Gesicht. Zwar begrub man ihn rasch an Ort und Stelle, aber seitdem spukt der Glände in der Nähe der Eiche. Wann immer Jäger unter dieser Eiche auf Wild lauern, wird dieses, sobald es erscheint, durch einen schrillen Pfiff vertrieben.

Die Insel Vilm

Die Insel Vilm

auf Vilm

Ich habe meinen Glände kurzerhand von den Wäldern des Festlands auf eine Insel verfrachtet. Im Kopf hatte ich dabei die Insel Vilm, im Bodden südlich von Rügen vor Putbus – von der auch die Fotos in diesem Westentaschenkrimi stammen.
Auf Vilm gab es seit fünf Jahrhunderten keinen größeren Holzeinschlag mehr und man wandert durch unberührten Urwald. Damit das so bleibt, dürfen pro Tag nur sechzig Besucher auf die Insel. Bekannt ist die Insel, weil Mitglieder der SED-Führung hier Urlaub machten. Deshalb durften ab 1959 keine anderen Urlauber mehr nach Vilm, was auch dazu beitrug, die Ursprünglichkeit des Waldes zu erhalten.
Leider sind von den Ulmen, von denen Vilm seinen Namen hat (slawisch für Ulme: ilumu), auch hier die meisten dem Ulmen­splintkäfer zum Opfer gefallen.

Leseprobe aus dem Krimi „Der Glände“

Leseprobe aus dem Krimi „Der Glände“

auf Vilm

„Das ...“

Beide standen sprachlos da – nur dass Svenjas Gesicht alle Farbe verloren hatte und ihr Atem zunehmend heftiger ging, während Jo sich stirnrunzelnd umsah.

„Sind wir jetzt blöd? Wir haben unser Boot doch genau hier versteckt? Oder finden wir jetzt unser eigenes Versteck nicht mehr? Ich seh mal da drüben ...“

„Nein!“ Svenja zerrte an Jos Ärmel. „Wir müssen hier weg! Er hat das Boot! Ich sag doch, hier sind Schritte! Wir sind nicht allein!“

Jo sah sich noch einmal um, sah dann ihre panische Quasi-Kusine an. „Okay. Das verschwundene Boot ist wirklich seltsam. Aber wenn er, wer immer das ist, das Boot hat, ist er nicht mehr hier, sondern mit unserem Boot auf und davon. Das heißt zum einen, wir sind doch allein, und zum anderen, wir müssen uns einen Hol-Dienst organisieren.“ Jo klopfte ihre Hosentaschen ab und zog dann das Handy aus der rechten.

„Beeil dich, ich will hier weg! Da – hörst du das?“

Ja, diesmal konnte auch Jo es hören, sehr deutlich sogar. Schritte im Unterholz, unregelmäßige Schritte. Kamen sie näher? Jo lauschte und durchforschte das Gebüsch mit den Augen, konnte aber in der zunehmenden Dunkelheit nichts erkennen. Dunkelheit? Es war Nachmittag – wieso wurde es dunkel? Sie sah zum Himmel auf und sog erschrocken die Luft ein. „Wir sollten machen, dass wir hier wegkommen, da zieht was ganz Übles auf.“ Jo deutete auf den Himmel, der rabenschwarz geworden war. Eine geschwungene hellere Linie kam rasch näher. Der Rand des Wolkenambosses von unten.

„Und wohin?“ Svenja umklammerte jetzt Jos Arm. „Ruf jemanden an, ich will nicht bei dem Sturm mit dem Gespenst oder am Ende sogar einem Mörder hier bleiben!“

Die erste Windbö fuhr durch die Eichen und Hainbuchen.

„Vergiss es, bei einem Unwetter kommt uns hier keiner holen! Los – zum Keller! Wir müssen den aufkriegen, ein paar feste Steinmauern sind unsere einzige Hoffnung! Bevor uns hier die Bäume auf den Kopf fallen!“

Jo rannte los, Svenja spurtete hinterher, so schnell das mit dem Gepäck ging. Bis sie auf einmal das Gefühl hatten, gegen eine brausende Masse zu laufen, eine Luftmasse, die sie mit aller Macht zurückdrängen wollte. Mühsam kämpften sie sich weiter gegen den Wind.

„Lass das Zeug fallen, wir müssen ...“ Den Rest von Jos Worten verschluckte der Sturm. Aber Svenja verstand auch so, sie ließ alles fallen und stemmte sich gegen den Wind den Hang hinauf. Ein Krachen und Splittern ließ sie herumfahren. Die Eiche, die sie eben passiert hatten, lag mit zitternder Krone am Boden, die Reste zweier umgerissener Hainbuchen stachen in die Luft. „Weiter!“, brüllte Jo gegen den Wind, aber Svenja reagierte nicht. Stocksteif stand sie da, mit offenem Mund, nur ihre Haare flatterten im Sturm. Jo folgte ihrem Blick und fuhr selbst zurück. Dabei verlor sie das Gleichgewicht, eine Bö warf sie um. Auf Händen und Knien hockend verfolgte sie, wie die beiden blutroten Lichter zwischen den Bäumen auftauchten, verschwanden, auftauchten, verschwanden ... wie riesige blinzelnde Augen. Ein Zischen bohrte sich durch das Tosen des Sturms und zwischen ihnen beiden steckte plötzlich ein Pfeil.

auf Vilm

Svenja schrie auf und rannte zwischen den schwankenden Stämmen davon. Jo zwang sich, den Blick von dem im Boden steckenden Schaft zu wenden, rappelte sich auf und folgte ihrer Kusine, die genau in die falsche Richtung rannte. Sie mussten zum Keller, der würde sie vor Wetter und Pfeilen schützen. Die mit Sicherheit nicht von irgendwelchen Gespenstern abgeschossen wurden. Svenja einzuholen, war nicht schwer, sie war über eine Wurzel gestolpert und hockte am Boden, den Kopf zwischen die Knie gebeugt. Regentropfen klatschten inzwischen auf sie herunter. Jo schüttelte Svenja und schrie gegen den Wind und den Regen an, bis sie sicher war, dass Svenja nicht verletzt, sondern nur im Griff ihrer Panik war. Sie riss Svenjas Hände herunter, drückte ihr Gesicht nach oben und benutzte den Ton, den sie sonst nur für ihre Feuerwehrleute im Einsatz gebrauchte. Es wirkte. Svenja gehorchte, rappelte sich auf und ließ sich durch die Bäume zurück auf den richtigen Weg ziehen. Im Sturm mehr kriechend als gehend erreichten sie schließlich völlig durchnässt den alten Keller. Jo zerrte an der Tür und bekam sie gegen den Wind einen Spalt auf, bis sie beide hindurchpassten. Sie schob Svenja durch den Spalt und wollte gerade hinterher, als sie einen Schatten im Augenwinkel wahrnahm. Rasch drehte sie sich um und hätte um Haaresbreite die Tür zuknallen lassen. Lichter, zwei orangefarben glühende Lichter schimmerten durch den Regen. Langsam kamen sie näher. Eine Gestalt schälte sich aus dem Regenvorhang, eine große bärtige Gestalt mit Umhang und Schlapphut. Obwohl der Mann näher kam, blieb er im Regen schemenhaft. Nur die orangefarbenen Augen leuchteten scharf in einem dunklen, einem regelrecht schwarzen Gesicht.

Jo biss die Zähne zusammen, das ging ihr hier allmählich gehörig auf die Nerven. „Verschwinde! Das ist meine Insel! Das ist mein Schatz und überhaupt gibt es gar keinen Schatz! Also hau ab! Meine beste Freundin ist bei der Kripo und wenn du nicht sofort meine Insel verlässt, hol ich die Feuerwehr!“

Ein leises Lächeln zog sich durch das rabenschwarze Gesicht, ein leichtes Kopfschütteln und die Gestalt löste sich buchstäblich im Regen auf. Jo presste sich hastig zwischen Türblatt und Mauer hindurch und zog die Tür hinter sich zu. Zum Glück stand der Wind auf der Tür, sie würde geschlossen bleiben. Keuchend ließ Jo sich neben Svenja in die Hocke nieder und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Nach einem Blick auf das bleiche Gesicht ihrer Quasi-Kusine verzichtete Jo darauf, ihr von der unheimlichen Gestalt zu erzählen. Draußen knallten jetzt Hagelkörner gegen die Tür, der Wind tobte in den Bäumen. In immer kürzeren Abständen erhellten Blitze das Innere des Kellers, dröhnte der Donner im engen Gewölbe. Jo versuchte, in den kurzen Augenblicken der Helligkeit möglichst viel von dem Raum zu erkennen, aber da war nicht viel Spannendes. Gemauerte rötliche Wände, vermutlich aus Ziegeln, ein gestampfter Boden, einige Meter breit. Die hintere Wand war im Dunkeln nicht zu erkennen – bis dorthin reichte das Licht der Blitze, das durch die Ritzen der Tür fiel, offenbar nicht. Warum hatten sie bloß keine Taschenlampe – aber die war bei dem Gepäck, das sie zurückgelassen hatten. Dann fiel Jos Blick wieder auf die Tür.

Irgendwann registrierte Svenja, dass Jo die Tür anstarrte. „Was?“

„Die Tür war offen. Es war anstrengend, sie gegen den Wind aufzustemmen, aber sie war offen. Weder verklemmt, noch abgeschlossen.“

*

auf Vilm

Katharina runzelte die Stirn, aber sie musste einsehen, dass Pannicke diesmal nicht nur paranoid war. Bei dem Wetter konnte man tatsächlich nicht raus.

„Oh! Aber sehen Sie! Da kommt er ja! Er hat es gerade so geschafft!“

Katharina sah ihren Kollegen verständnislos an, stand dann auf und stellte sich neben ihn. Vor dem Fenster prasselte der Hagel, der Sturm schüttelte die Linde. Ein Stuhl flog vorbei, eine Plakatwand krachte zu Boden. Im Hafen, durch die Hagelschloßen gerade noch zu sehen, krabbelte eine Gestalt, versuchte sich aufzurichten, schwankte im Wind und ließ sich dann wieder auf die Knie fallen. Eine rot-gelbe Gestalt. Wo war der Demonstrant denn jetzt hergekommen? Hinter ihm schaukelte ein Boot in den Wellen, ein Brecher warf es an die Kaimauer und als der Blitz die Linde spaltete, riss das Boot sich los und verschwand.

Aber Katharina hatte genug gesehen, um es zu erkennen. Es war das Ruderboot des großen Meier. Das Boot, mit dem Jo und die Hansen auf die Insel gerudert waren. Sie ließ Wetter Wetter sein, schnappte sich ihre Jacke und rannte hinaus auf die Straße. Sofort erfasste der Wind sie, sie stolperte und stürzte. Sie achtete nicht auf die aufge­schabten Handflächen und das geprellte Knie, sondern kroch so schnell es eben ging zur Kaikante. Wenn das Boot hier war, wo war dann Jo? Zischend sog sie die Luft ein, als ein Hagelkorn sie am Kopf traf, die nächsten schlugen auf Schultern und Rücken ein. Katharina krabbelte hinter der Eisbude in den Windschatten und suchte mit den Augen den Sund ab. Vergeblich, durch den Hagel konnte sie gerade mal ein paar Meter weit sehen. Waren die beiden beim Zurückrudern vom Sturm überrascht worden? Über Bord gegangen? Aber konnte das Boot führerlos genau hier landen? Im Hafen, an seinem Platz?

Genauso abrupt wie er begonnen hatte, hörte der Hagel wieder auf. Dem Sturm schwächte sich ab zu einem Wind. Katharina richtete sich auf. Nein, das Boot war natürlich nicht führerlos gewesen. Der Dauerdemonstrant war nicht aus dem Nichts aufgetaucht, sondern aus dem Boot. Er hatte – es von der Insel gestohlen? Saßen Jo und die Hansen jetzt dort fest? Dann musste sie hinüber. Hastig sah Katharina sich um, sie brauchte ein Boot. Das hier war ein Hafen, hier musste es doch ein Boot geben! Als sie das Boot des kurzen Meier entdeckte, hallte ein Schuss. Leise, von weit her, aber unverkennbar ein Schuss. Von der Insel her.

Katharina rannte hinüber zum Boot, aber sie hatte noch keine fünf Schritte hinter sich, da tat es einen Donnerschlag und als hätte das Krachen die Tore des Himmels geöffnet, zeigte der Sturm jetzt richtig, was er konnte. Katharina kauerte sich auf den Boden und starrte auf das Wasser. Sie würde nicht auf die Insel gelangen, mit keinem Boot aus diesem Hafen.

Im Sund wütete eine Bestie.

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