• Wiebke Salzmann

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Die Krimikarte „Die Bernsteinperle im Hünengrab“

Irmtraut Papke wird ermordet in einem verlassenen Haus gefunden und bald gerät ihr Neffe Olli in Verdacht, seine Tante getötet zu haben. Dann verschwindet Olli spurlos. Ist er auf der Flucht? Und welche Rolle spielen die Bernsteinperlen?

Krimikarte „Die Bernsteinperle im Hünengrab“ um zwei Großsteingräber

Klappkarte (6-seitig) im DL-Format mit Heft (44 Seiten) im DIN-A6-Format
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Die Krimis spielen an fiktiven Orten an der Ostseeküste von Mecklenburg-Vorpommern. Großsteingräber gibt es viele in M-V und überhaupt in Norddeutschland. Bei Liepen im Recknitztal stehen zwei recht dicht beieinander – was mich zu diesem Krimi inspirierte.

Großsteingräber bei Liepen im Recknitztal

Großsteingräber bei Liepen im Recknitztal

Skizze zum Aufbau von Ganggräbern – Blick von oben und von vorn

Im Recknitztal finden sich mehrere Großsteingräber. Hünengräber nannte man sie, weil es unvorstellbar schien, dass Menschen die gewaltigen Findlinge zu Bauten aufeinandertürmen konnten – es mussten Riesen gewesen sein.

Großsteingräber unterscheidet man nach ihrer Bauart. Bei Ganggräbern hat die meist länglich geformte Grabkammer einen Zugang, der als Gang ausgebaut ist. Das Foto auf der Innenseite zeigt den Gang zum Grab Liepen 7 (benannt nach dem nahegelegenen Ort Liepen im Recknitztal). Er setzt an einer Längsseite der Grabkammer an und ist etwa 3 Meter lang. Zwei Decksteine sind erhalten. Die Grabkammer selbst ist ca. 6 Meter lang, 2,5 Meter breit und 1,8 Meter hoch. Elf Tragsteine und zwei Decksteine sind erhalten. Die Grabkammer war in vier so genannte Quartiere unterteilt. Das auf dem Hefttitel abgebildete Ganggrab Liepen 8 liegt ganz in der Nähe und hat ähnliche Maße.
Ursprünglich bedeckte ein Erdhügel die Gräber, der von einem Oval weiterer Steine, den Randsteinen, umgeben war. Diese sollten den Hügel vor dem Abrutschen bewahren. Von diesen sind nicht mehr alle erhalten, denn die Steine wurden in späteren Jahrhunderten oftmals abgetragen und als Baumaterial verwendet.

Errichtet wurden solche Ganggräber von der Trichterbecherkultur, die in der Zeit von etwa 4000 bis 3000 Jahre v. Chr. lebte.
Weil sich innerhalb einer Region einzelne Bauelemente oft sehr ähneln, gibt es die Theorie, dass die Großsteingräber von umherziehenden Bautrupps errichtet wurden, unter der Leitung eines erfahrenen Baumeisters. Denn die Tragsteine wurden häufig schräg errichtet, die Erbauer musste also etwas von Statik verstanden haben. Es gibt unterschiedliche Auffassungen, wozu die Bauten gedient haben könnten – ob als religiöse Stätte, Grab für Höhergestellte oder als Beinhaus, in das lediglich die Knochen gebracht wurden.

Leseprobe aus dem Krimi „Die Bernsteinperle im Hünengrab“

Leseprobe aus dem Krimi „Die Bernsteinperle im Hünengrab“

Das Cover zum Krimi 'Die Bernsteinperle im Hünengrab'
Das Cover des Krimis „Die Bernsteinperle im Hünengrab“

Mit zusammengebissenen Kiefern beobachtete Gjaèl, wie der Baumeister ihre Schwester umarmte und einen Kuss auf ihre Stirn drückte. Mehr traute er sich zum Glück wohl doch nicht. Dann verschwand der großgewachsene Mann zwischen den Bäumen. Er sah gut aus, das musste auch Gjaèl in ihrem Zorn zugeben. Als sie sah, dass ihre Schwester sie entdeckt hatte und nun auf sie zulief, wandte sie sich wieder ihrem Keramiktopf zu. Sie drückte ihn in das Wasser der Recknitz und scheuerte heftig in ihm herum – mehr, um ihren Zorn abzureagieren, als weil der Topf mit dem trichterförmigen Rand noch schmutzig gewesen wäre.

„Sieh mal, was Tirdas mir geschenkt hat! Nun guck doch mal hin!“ Ungeduldig zerrte Rayen an Gjaèls Hemd. „Ist die nicht schön?“

Widerwillig wandte Gjaèl sich ihrer jüngeren Schwester zu. Und vergaß ihren Ärger für den Moment. Beim Anblick der rotbraunen Perle blieb ihr der Mund offenstehen. Sie hatte eine längliche Form und im oberen Ende ein Loch. Als Rayen sie drehte und wendete, leuchtete die Perle im Sonnenschein, als wäre das Sonnenlicht selbst darin gefangen. Etwas so Schönes hatte Gjaèl tatsächlich noch nie gesehen. Dann sah sie genauer hin. „Da ist – was ist denn da drin?“ In dem durchscheinenden Stein steckte ein Schmetterling. Eigentlich nur die rechte Hälfte eines Schmetterlings.

„Wie hat er den Falter in den Stein hineinbekommen?“

Ehrfürchtig strich Gjaèl mit dem Finger über die Perle. Sie fühlte sich warm an, ganz anders als gewöhnliche Steine. Die Leute von Tirdas waren ein erfahrener Bautrupp, schon viele der gewaltigen Knochenhäuser in der ganzen Region hatten sie gebaut, das hatte Gjaèl gehört, auch wenn sie selbst das Dorf noch nie verlassen hatte. Natürlich hatte auch Gjaèl mit Spannung verfolgt, wie die Männer von Tirdas’ Bautrupp die Tragsteine mit Seilen aufgerichtet hatten. Vier standen schon, es fehlten aber noch etliche. Ganz zu schweigen von den Decksteinen. Aber die mächtigen Steine für die Knochenhäuser zu bewegen war doch etwas ganz anderes, als diese winzige und feine Arbeit hier.

Rayen schüttelte den Kopf. „Nein, das war nicht Tirdas. Er sagt, das Tier war da schon drin, als er den Stein gefunden hat. Er sagt, dort gibt es viele solcher Steine. Und manche mit Dingen darin. Dort gibt es ein unglaublich großes Wasser, viel größer als … als alle Seen zusammen. Man kann das andere Ufer nicht sehen. Und weißt du, was mit der anderen Hälfte ist?“ Mit geröteten Wangen und strahlenden Augen sah Rayen ihre Schwester an, die gespannt den Kopf schüttelte.

„Er hat den Stein in zwei Hälften geteilt. Die Perle mit der linken Hälfte des Schmetterlings trägt Tirdas selbst. Als Zeichen unserer Liebe!“

Schlagartig kehrte Gjaèls Zorn zurück. Sie verschränkte die Arme, ihre Augen verengten sich. „Du weißt, dass das nicht geht! Du bist Lican versprochen! Wenn er mitbekommt, dass du mit Tirdas … oder schlimmer noch, wenn Vater das erfährt! Der Clan braucht die Verbindung mit Licans Clan! Sie siedeln viel zu dicht bei uns, wir müssen für Frieden sorgen! Das kannst du nicht alles aufs Spiel setzen!“

Die Recknitz

Rayen sprang auf und stampfte mit dem Fuß auf. „Der Clan! Der Clan braucht dies, für den Clan ist jenes wichtig! Und wen interessiert, was ich brauche? Ich brauche Tirdas! Ich gehe mit ihm an das große Wasser!“

Gjaèl verzog das Gesicht. „Na, dich offenbar. Dich interessiert ja nur das, was du brauchst!“

Rayen wich zurück und sah ihre Schwester prüfend an. „Und? Wirst du es Vater verraten?“

Seufzend hob Gjaèl den gereinigten Topf auf. „Nein. Nein, natürlich nicht.“

Rayen lief davon. Gjaèl sah ihr nach, umklammerte den unten spitz zulaufenden Topf, wie um sich Halt zu geben, und wandte sich zum Gehen. Die Mutter würde schon warten. Ein Geräusch ließ sie den Kopf noch mal zur Seite wenden. Jemand zog sich ins Gebüsch zurück. Jemand, der dort versteckt gewesen war. Jemand mit dem feuerroten Haarschopf von Lican.

5427 Jahre später ...

„Muss das sein? Ich müsste jetzt echt mal weiter und das Kostüm nach Musing-Dotenow bringen, die warten seit drei Stunden da drauf.“ Olli warf einen sehnsüchtigen Blick auf sein Fahrrad. Es war im Efeu kaum zu erkennen, das an den Mauern des verlassenen Hauses emporwucherte. Er musterte die leeren Fensteröffnungen im grünen Gewirr und die Birke, die durch das verfallene Dach des Gebäudes strebte. Vergebliche Versuche, den Anblick der rauchenden, verkohlten Reste des Hauses gegenüber zu vermeiden. Dass nun sein Blick auf den grünen Kleinwagen seiner Tante fiel, machte es nicht besser.

Polizeimeisterin Levke Sörensen hatte ihm tröstend eine Hand auf den Arm gelegt und wandte sich vorwurfsvoll an ihre Chefin. „Kann er nicht morgen zu uns aufs Revier kommen und die Fingerabdrücke machen lassen? Er sieht echt fertig aus. Katti, er hat gerade die Leiche seiner Tante identifizieren müssen! In einer Brandruine!“

Aber Hauptkommissarin Katharina Lütten schüttelte den Kopf.

„Nee, wir nehmen jetzt von allen die Fingerabdrücke, die hier im Einsatz oder im Haus waren. Dann können die im Labor gleich loslegen. Tut mir leid, Olli. Ich komme mit, dann kann ich gleich­zeitig deine Aussage aufnehmen.“

Seufzend erhob sich Olli.

Johanna, die Einsatzleiterin der Freiwilligen Feuerwehr Moordevitz, hatte das Ganze beobachtet und schaltete sich nun ein. „Katti, du weißt schon, dass meine Leute mit Handschuhen im Einsatz sind? Aber wenn du meinst … Und du, Olli, vergiss dieses blöde Kostüm, du fährst nachher mit uns zurück nach Hause. Das 777. Stadtjubiläum wird nicht scheitern, nur weil das Kostüm einen Tag später ankommt.“

„Jo, ich war doch gar nicht mit beim Einsatz, ich kann doch nicht mit der Feuerwehr zurückfahren. Und du kennst doch die Bürgermeisterin …“

„Du warst vielleicht nicht bei diesem Einsatz dabei, aber du gehörst immer noch zur Feuerwehr. Und die Bürgermeisterin lass mal meine Sorge sein, die ruf ich jetzt an.“ Jo nahm ihr Handy und aus der Wehrführerin einer kleinen Dorffeuerwehr wurde die Freifrau und Schlossherrin. „Frau Bürgermeisterin? Ja, hier spricht Johanna Freifrau von Musing-Dotenow zu Moordevitz. Es gab einen Brand in Doodewisch-Ausbau, bei dem die Anwesenheit des Kameraden Oliver Papke dringend vonnöten war. Es verursacht doch sicher keine Unannehmlichkeiten, wenn Sie das Kostüm für die historische Erlebnis-Führung erst morgen … ja, selbstverständlich. Haben Sie besten Dank!“

Während die Feuerwehrleute der Freiwilligen Feuerwehr Moordevitz einer nach dem anderen ihre Fingerabdrücke abnehmen ließen, räumte Jo mit den übrigen die Einsatzstelle auf, machte den kurzen Meier zum vierunddreißigsten Mal darauf aufmerksam, dass die Verteiler auf der linken Seite des Löschfahrzeugs untergebracht waren, und rief den langen Meier zu Hilfe. Mit ihren ein Meter fünfundfünfzig bekam sie Ollis Fahrrad allein nicht ins Löschfahrzeug hinein.

„Johanna?“

Jo drehte sich um zu der Neuen, die verunsichert vor ihr stand. „,Jo‘ reicht völlig.“

„Ja, aber – echt, du bist ne Freifrau?“

„Nur bei Bedarf. Was ist los?“

„Äh, wir haben da bei der Toten was gefunden, so weiße Plastikhandschuhe, diese …“

„Einmalhandschuhe?“

„Genau. Also die liegen da …“

„Siehst du die rothaarige Bohnenstange? Das ist die Hauptkommissarin Katharina Lütten, geh mal zu der.“

Als endlich alle Schläuche und Geräte verstaut waren und das Löschfahrzeug mit Feuerwehr­leuten, Olli und Ollis Fahrrad voll besetzt war, wollte Jo die Fahrertür von außen zuschlagen. Da fiel dem langen Meier auf, dass seine Wehrführerin noch draußen stand.

„Äh, und du? Wie kommst du zurück?“

„Meine Mitbewohnerin fährt mich zurück.“

„Ach, tut sie?“, kam es von der Hauptkommissarin und Mitbewohnerin.

Jo nickte. „Tut sie. Sie ist verrückt nach dem Makkaroniauflauf, den Hertha vermutlich gerade in den Ofen schiebt.“

„Makk… Worauf wartest du noch? Ab nach Hause!“ Katharina schnappte Jo am Ärmel ihrer Einsatzjacke und zog sie hinter sich her zu ihrem Trabbi.

Der Eingang zum Ganggrab Liepen 8.

„Also ich kann gleichzeitig fahren und reden“, meldete sich Jo nach fünf Minuten Fahrt zu Wort.

Katharina zog die rechte Braue hoch. „Es gäbe was zu reden?“

„Katti!“

„Jo, du weiß genau, dass ich über Ermittlungen nicht sprechen darf.“

„Und ich weiß genau, dass du es über kurz oder lang sowieso tust.“

Katharina verzog seufzend den Mundwinkel. „Aber es gibt tatsächlich noch nicht viel zu erzählen. Die Spusi und Jack the Rüpper müssen erst ihren Job machen. Und dass Olli hier auf seiner Radtour durchkam, den Brand bemerkte und meldete, weißt du genauso gut wie ich. Und dass die beiden Meiers dann die Tote im Schuppen entdeckten. Hm.“

„Hm?“, hakte Jo nach.

„Naja, was hat Irmtraut Papke hier gemacht? Warum fährt sie nach Doodewisch-Ausbau und geht in das alte Haus? Hier wohnt seit Jahren keiner mehr und keins der Häuser ist in einem Zustand, dass man es noch betreten möchte!“

Jo nickte. „Ist sie denn selbst ins Haus reingegangen? Oder wurde ihre Leiche dort nur abgelegt?“

Katharina zuckte die Schultern. „Sieht mir nicht so aus, als wäre die Leiche nach dem Tod noch viel bewegt worden. Aber das kann nur Jack the Rüpper feststellen.“

Eine Weile schwiegen beide, bis Katharina fortfuhr: „Der Brand war möglicherweise ein Versuch, die Leiche zu beseitigen und Spuren zu verwischen.“

„Das war dann aber nicht sonderlich gut überlegt.“

„Wieso?“ Katharina wandte sich zu Jo um.

„Weil das Feuer im Wohnhaus ausgebrochen ist. Die Tote lag aber im Schuppen. Und so wie der Wind stand, hätte das Feuer ziemlich wahrscheinlich nicht auf den Schuppen übergegriffen.“

Katharina nickte langsam. „Also entweder nicht zu Ende gedacht vom Täter. Oder das Feuer hatte mit dem Mord nichts zu tun.“

„Oder es sollte Aufmerksamkeit erregen, damit die Leiche gefunden wird“, warf Johanna ein und zuckte mit den Schultern, als sie Katharinas zweifelnden Blick sah. „Ja, ist nicht sehr wahrscheinlich.“

Eine Weile schwiegen beide. Dann kicherte Katharina. „Deine Truppführerin Levke Sörensen mag den Truppmann Oliver Papke ganz gern, oder? Eigentlich sollte Finn die Abdrücke nehmen, aber ich habe Levke nicht von Olivers Seite wegbekommen. Obwohl sie ja als Polizistin vor Ort war und ich eigentlich als ihre Chefin.“ Johanna lachte. „Levke ist bis über beide Ohren verknallt und ich glaube, langsam hat auch Olli das gemerkt.“

Dann verfielen beide wieder in Schweigen.

Kurz vor dem Abzweig nach Schloss Moordevitz seufzte Jo. „Ausgerechnet Irmtraut Papke. Der arme Olli. Er hat seine Tante sehr gemocht. Da ist ihr Tod an sich schon schlimm. Aber dass sie ermordet wurde … Warum bloß? Wer bringt eine harmlose alte Frau um?“

Das war auch das erste, was Johannas Haushälterin Hertha sagte, als sie von dem Mord im verlassenen Doodewisch-Ausbau erfuhr. Angesichts dieser schlimmen Neuigkeit verzichtete sie darauf, Jo und Katharina wegen des zweiminütigen Zuspätkommens streng zu rügen.

Schweigend häufte Hertha Makkaroniauflauf auf die Teller, nur das Kratschen der Stühle auf dem Terrazzo-Boden der Schlossküche war zu hören, als die drei sich setzten. Schweigend aßen die drei ihre Teller leer. Erst als sie die Vanillesauce auf die rote Grütze goss, brach Hertha das Schweigen. „Irmtraut wird mir fehlen. Wir sind fast jeden Sonntag zusammen wandern gegangen.“

Katharina wollte sich gerade über ihre rote Grütze hermachen und hielt inne. „Sie kannten Irmtraut Papke gut? Haben Sie eine Ahnung, was die alte Frau Papke dort in dem verfallenen Haus überhaupt wollte?“

„Irmtraut war nur drei Jahre älter als ich, also ganz bestimmt nicht alt, Sie junges Huhn. In Doode­wisch-Ausbau? Gleich vorn an, auf der rechten Seite das Backsteinhaus? Das ist ihr Haus. Dort hat sie gewohnt, bis das Dorf immer leerer wurde und alle wegzogen. Es gab ja nach dem Ende der LPG keine Arbeit mehr. Dann ist sie irgendwann auch weggezogen, weil sie nicht im Alter dort allein zurückbleiben wollte. Warten Sie mal.“ Hertha stand auf, zog den Korb mit den alten Zeitungen hervor und blätterte die Ausgaben durch, bis sie die richtige gefunden hatte. „Hier.“ Sie schlug die Seiten um, legte die Zeitung auf den Tisch und den Finger auf eine Kleinanzeige. „Sie wollte das Haus verkaufen, um ihren Lebensabend sorgenfrei verbringen zu können. Bislang konnte sie sich nicht davon trennen, aber als sie vor ein paar Monaten ihren Rentenbescheid bekam …“

„Stimmt.“ Jo runzelte die Stirn. „Olli hat erzählt, dass er sich einen Studentenjob in einem Ingenieurbüro gesucht hat, weil seine Tante sich seit ihrem Renteneintritt den Zuschuss zu seinem Bafög nicht mehr leisten kann. Konnte.“

Katharina studierte die Zeitungsanzeige. „Kann ich die mitnehmen? Dann hat Irmtraut Papke sich vielleicht mit einem Kaufinteressenten dort getroffen. Wir müssen rauskriegen, wer auf die Anzeige geantwortet hat. Hier ist eine Handynummer angegeben – wir müssen also schnellstens ihr Handy finden. Sie hatte keins dabei.“

„Keins dabei? Wer macht sich auf den Weg in eine verlassene Gegend, ohne Handy? Oder war Irmtraut eine Handyverweigerin?“ Johanna hütete sich, in Herthas Gegenwart eine Verbindung zwischen dem Alter der Verstorbenen und dem Nichtvorhandensein eines Handys herzustellen.

„Nein“, erklärte Hertha, „war sie nicht. Ganz und gar nicht. Wir haben uns immer über einen Messengerdienst verabredet, dank ihres Lieblingsneffen war sie in der Bedienung der Apps und diesem Kram sogar recht fit. Olli hat ihr da viel geholfen.“

„Olli war ihr Lieblingsneffe? Gibt es noch mehr Neffen oder Nichten? Kinder hatte sie keine, soweit ich weiß?“ Katharina hatte Block und Stift gezückt. Sie war zwar auch ganz bestimmt keine Handyverweigerin, aber Notizen schrieben sich analog deutlich schneller.

Die Recknitz

Hertha schüttelte den Kopf. „Nein, Kinder nicht. Und der andere Neffe – der heißt Bert oder Bernd. Nein, Bernd, denke ich. Und ich glaube, er ist der Sohn ihres älteren Bruders, heißt also wahrscheinlich auch Papke. Den habe ich nie kennengelernt, er hat Irmtraut selten besucht. Erst in den letzten Tagen ist er öfter mal gekommen. Seit er diese Professorenstelle an der Uni Spökenitz hat.“ Hertha zuckte mit den Schultern. „Irmtraut war mächtig stolz darauf, einen Professor in der Familie zu haben. Aber so wie ich das verstanden habe, war das irgendsoeine neumodische Art von Professur, sie nannte das Tenjertreck oder so ähnlich.“

„Tenure track. Das ist so eine Art Probezeit. Wenn der neue Professor gute wissenschaftliche Arbeit leistet, wird die Stelle zu einer Dauerstelle“, erklärte Jo, aber Katharina unterbrach sie, die Stellenpolitik der Universität Spökenitz interessierte sie gerade nicht vorrangig. „Sie wissen nicht zufällig, wer Irmtraut Papke beerbt?“

„Doch, das weiß ich. Irmtraut wollte Oliver als ihren Erben einsetzen. Das hat sie mir letzte Woche noch erzählt. Sie meinte, der Herr Professor hätte ja nun ausgesorgt, aber Olli noch nicht. Vor allem ihre Bernsteinperle soll er bekommen.“ Hertha sah einen Moment lächelnd vor sich hin. „Diese Perle war ihr ein und alles. Ihr Mann hatte die beim Großsteingrab gefunden, bei Doodewisch I. Ich durfte sie einmal angucken und musste schwören, nie jemandem davon zu erzählen. Aber mit ihrem Tod dürfte ich jetzt wohl von dem Schwur entbunden sein …

Das ist tatsächlich ein ganz besonderer Bernstein, ein unregelmäßiges Oval mit einem Loch und einer Inkluse. Genau genommen nur einer halben Inkluse.

Ein halber Schmetterling, die linke Hälfte. Ich sehe das Ding noch vor mir. Jedenfalls hatte Irmtraut eine Heidenangst, dass sie den Bernstein abgeben muss, wenn jemand davon erfährt. Weil er aus dem Großsteingrab war und mit Sicherheit wichtig für die Landesgeschichte. Aber weil doch ihr Mann sie gefunden hatte …“

„Dann dürfte die Perle kaum was wert sein. Finanziell meine ich. Denn abgeben muss man die vermutlich tatsächlich. Keine Ahnung, ob es in so einem Fall irgendeine Entschädigung gibt. Aber es gibt immerhin noch zwei Häuser zu erben. Die wären schon eher ein Motiv.“ Katharina klopfte sich mit dem Stift an die Nase.

„Katti!“, protestierte Jo. „Weißt du, was du da sagst? Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass Olli seine Tante umgebracht hat, um an das Erbe zu kommen? Unser Olli ist doch kein Mörder!“

„Das sagen alle Freunde und Verwandten von Mördern. Aber – nein. Dass Olli der Mörder ist, glaube ich eigentlich auch nicht.“ Katharinas Handy gab einen Kranichschrei von sich. Sie sah auf das Display und verließ die Küche.

Johanna und Hertha räumten so langsam wie möglich die Küche auf, lauschten in die Halle hinaus, wo Katharina telefonierend auf und ab ging. Leider schlossen die alten Türen in Schloss Moordevitz seit der Renovierung sehr dicht und es war nichts zu verstehen. Als die beiden schon nicht mehr wussten, was sie noch tun könnten, kam Katharina wieder herein und schnappte sich ihre Tasche. „Das war Pannicke. Ich muss noch mal los.“

Angesichts von Katharinas zusammengebissenen Kiefern fragte Jo: „Nichts Gutes, wie?“

Katharina verharrte, die Türklinke schon in der Hand. „Nein, ganz und gar nicht gut. Sie haben im Innern der Einmalhandschuhe Fingerabdrücke gefunden. Ollis Fingerabdrücke.“

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