• Wiebke Salzmann

  • Text-Wirkerei

  • Wirken an Texten – Wirken von Texten

Mord in Moordevitz

Johanna reist in den kleinen Ort Moordevitz an der Boddenküste in Mecklenburg-Vorpommern. Sie spielt mit dem Gedanken, Schloss Moordevitz, den früheren Sitz ihrer Familie, zu kaufen. Doch nicht nur der schlechte Zustand des Schlosses verspricht Probleme – im Seitenflügel trifft Johanna auf die Leiche eines Erhängten. Im Dorf Moordevitz geht es derweil hoch her – eine Immobilienfirma versucht, das Land im Ort aufzukaufen. Auch Hauptkommissarin Katharina Lütten verliert ihre Wohnung. Für Katharina ist klar, dass die schlosskaufende Freifrau Johanna von Musing-Dotenow zu Moordevitz hinter den Machenschaften der Immobilienhaie steckt. Doch dann häufen sich die Unfälle um Johanna, sie gerät in Lebensgefahr und Katharina muss einsehen, dass Johanna nicht die Täterin, sondern das Ziel ist – und sie begreifen, dass der Schlüssel zu den Geschehnissen in der Vergangenheit von Johannas Familie liegt.

Wer die Geschichten um Johanna und Katharina aus den Krimikarten der text-wirkerei.de kennt, erfährt hier, wie die beiden sich kennenlernten und zusammenrauften.

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Blick ins Buch: Leseprobe und Beispielseiten

Leseprobe aus dem Krimi „Mord in Moordevitz“

eine Doppelseite aus dem Buch 'Mord in Moordevitz'
eine Doppelseite aus dem Buch mit Illustration und Kapitelanfang

Kapitel 1

„So, Leute, jetzt raus hier! Die Einwohnerversammlung ist beendet und der Gemeindesaal ist keine Kneipe!“

Bürgermeister Carsten Brandt scheuchte die Moordevitzer aus dem Saal. Katharina Lütten schob ihren Stuhl zurück, stand auf und folgte der nach draußen strömenden Menge. Mit einhundertsechsundneunzig Teilnehmern war immerhin ein Viertel der Dorfeinwohner zur Versammlung erschienen.

Im Ausgang prallte sie gegen Kevin Hansen, der mitten in der Tür stehen geblieben war und Brandt mit finsteren Blicken musterte. „’ne Kneipe haben wir schon seit Jahren nicht mehr“, murrte er. „Wo sollen wir denn hin, um was zu beschnacken? Und wenn die das so umsetzen, wie angedroht, gibt es hier bald gar nichts mehr!“

„Ja, nun komm, da kann Carsten auch nichts für.“ Katharina schob sich neben Kevin, den sie mit ihren ein Meter fünfundachtzig locker um fünf Zentimeter überragte, und zog ihn am Arm durch die Tür. Nach dem dämmrigen Licht im Saal ließ das Sonnenlicht sie blinzeln. Neben Kevin erschien Katharinas junge Kollegin Levke Sörensen. „Lass uns nach hinten auf den Grillplatz gehen, da sind noch ein paar andere hängen geblieben“, schlug sie vor und zog an Kevins anderem Arm.

Auf der Rückseite des weiß gestrichenen Flachbaus, in dem Bürgermeisterbüro und Gemeindesaal untergebracht waren, erstreckte sich eine zum Bodden sanft abfallende Rasenfläche, von diesem durch einen Schilfgürtel getrennt. Ein dumpf hallender Ton zeugte von einer Rohrdommel, versteckt zwischen den Halmen. Hinter dem Schilf lag das Wasser des Doodewischer Boddens in der Abendsonne. Zwei windschiefe Fußballtore standen sich weiter unten auf dem Rasen gegenüber, in der Nähe des Gemeindegebäudes befand sich ein überdachter Grillplatz mit einer Handvoll feststehender Bänke, die sich um einen massiven Holztisch gruppierten. Irgendjemand hatte eine Kiste Bier auf diesen Tisch gestellt, was Kevins Laune etwas hob. Er zog eine Flasche aus dem Kasten und prompt hielt ihm der lange Meier den Spendenhelm der Freiwilligen Feuerwehr Moordevitz vors Gesicht. Womit dann klar war, wer den Kasten organisiert hatte und woher. Nach Kevin steckte auch Katharina ihren Obolus für ihr Bier in den Schlitz im Helm und setzte sich neben den langen Meier auf die Holzbank.

„Ich bin mir da gar nicht so sicher.“ Levke erntete verwirrte Blicke, als sie das Gespräch mit Kevin da wieder aufnahm, wo es abgebrochen war. „Dass es hier bald nichts mehr gibt, mein ich. Die wollen hier doch bauen“, fügte sie erklärend hinzu.

„Dor büst ja man ’n büschen blauäugig, mien Diern.“ Der lange Meier schob das ausgeblichene Base-Cap mit dem Aufdruck „Freiwillige Feuerwehr Moordevitz“ auf seinen graumelierten, in alle Himmelsrichtungen strebenden Haaren zurecht, weil ihn die tief stehende Sonne blendete. „Hest nich tauhürt?“

„Klar hab ich zugehört. Die wollen Hotels bauen. Hotels bedeuten Arbeitsplätze. Arbeitsplätze bedeuten mehr Einwohner. Mehr Einwohner bedeuten dann auch, dass sich ein Supermarkt oder eine Kneipe hier wieder lohnen.“

Katharina nahm die Haarspange aus dem Mund und bändigte ihre rote Mähne neu. „Wenn du dich da man nicht irrst. Wenn ich das schon höre – ein Quantensprung an Mehrwert für die Gegend. Dumm Tüüch.“ Dann stützte sie den Kopf auf die eine Hand, während sie mit der anderen am Etikett der Flasche herumknibbelte. „Erst mal bedeuten die Hotels, dass die uns den Strand und die Badestellen sperren. So wie das in Drögenhagen passiert ist, mit dem Nobelhotel.“

„Den Strand sperren? Das können die nicht, der gehört doch allen!“, protestierte Levke, ihr blonder Pferdeschwanz wippte empört.

„Glaub mir, die können“, stellte Katharina fest.

„Die können noch ganz andere Sachen“, rief Kevin. „Warum wohnt Katharina denn plötzlich ganz allein in ihrem Haus! Weil die alle anderen vergrault haben!“

„Es ist nicht mein Haus, das ist ja das Problem.“ Katharina seufzte. „Der Vermieter hat mir auch schon Angebote gemacht, damit ich ausziehe. Er möchte den alten Kasten und vor allem das Land nur zu gern an Golfotel verkaufen. Aber wohin soll ich denn um alles in der Welt? In Moordevitz gibt es gar nichts, in Musing-Dotenow nichts Bezahlbares und Spökenitz ist mir zu weit zum Pendeln.“

„Moment mal, ihr wollt doch nicht behaupten, dass die meine Großtanten rausgeekelt haben, mit so Mafiamethoden!“ Levke blies sich eine unbotmäßige blonde Strähne aus der Stirn.

„Nee.“ Katharina schüttelte den Kopf, woraufhin sich die Spange wieder löste und die Mähne ihr ins Gesicht fiel. Achselzuckend steckte sie die Spange in die Tasche ihrer Jeans. „Das haben sie natürlich nicht getan. Der Vermieter hat den drei alten Damen im Gegenteil eine ordentliche Entschädigung gezahlt. Die er mit Sicherheit auf den Kaufpreis für Haus und Grundstück wieder draufschlägt.“

„Eben. Und da die drei schon länger mit der Villa in Mu-Dot geliebäugelt haben, kam denen das Extra-Geld gar nicht so ungelegen. Mit der Tanten-WG läuft es auch ganz gut, ich war neulich zum monatlichen Großnichten-Kaffee eingeladen. Die hätten für dich bestimmt auch noch ein Zimmer.“

„Ich bin noch nicht mal fünfunddreißig, ich will nicht in eine Großtanten-WG. Außerdem müsste ich Isolde dreimal wöchentlich verhaften wegen ihrer Hanfkekse.“ Katharina grinste. „Nee, ich bleib in der Barkenstraße. Bis mein Vermieter mit einem Angebot um die Ecke kommt, für dass es sich lohnt, auszuziehen und ein paar Monate in der Graadewitzer Heide zu campen.“

Eine Weile herrschte Schweigen. Levke zog ihr Handy hervor und begann zu tippen, zu wischen und zu zoomen.

Katharina warf einen Blick auf ihr Display. „Was hast du denn da Spannendes? Die Pläne von Golfotel? Wie hast du denn das geschafft, dass die dich das Foto von ihren Plänen haben machen lassen?“

Levke zuckte grinsend die Schultern. „Manchmal hat es auch Vorteile, zu den Uniformierten zu gehören, Frau Hauptkommissarin! Die haben sich nicht getraut, mir das zu verbieten.“ Sie klopfte auf ihre Polizeimütze, die neben ihr auf der Bank lag, und kicherte.

Katharina lachte. „Ich muss schon sagen, Frau Polizeimeisterin! Und mir mit treuem Augenaufschlag erzählen, du hättest nur keine Zeit gehabt, dich umzuziehen!“

„Ich glaub, du hast recht, Meier. Ich bin wirklich zu blauäugig.“ Stirnrunzelnd schob Levke das Foto des Lageplans auf ihrem Handy hin und her, zoomte rein und raus. „Wenn die das alles kaufen und dann absperren, das ganze Land ...“

„Levke, die heißen Golfotel, weil die Golf-Hotels bauen. Und da gehören nun mal Golfplätze zu“, erklärte Katharina. „Und sie werden kaum dulden, dass du mit deinem Fahrrad über den englischen Rasen hoppelst oder der kurze Meier seine Jack-Russell-Terrier da ausführt.“

„Un dat dat egentlich Naturschutzgebiet warden sall – dat intressiert hier keinein?“ Der lange Meier sah in die Runde.

„Naturschutzgebiet?“, fragte Katharina. „Das wäre auf jeden Fall besser als Golfrasen. Aber der Wald sieht da doch auch nicht anders aus als anderswo. Und die Wiesen – du lieber Himmel, Wiesen gibt es ja wohl genug hier.“

„Aber keine, auf denen das fleischfarbene Knabenkraut wächst.“ Eine etwa sechzigjährige Frau mit grauem Kurzhaarschnitt und praktischer Bluse über grauer Jeans war an den Tisch getreten. „Und bevor Sie fragen, Frau Lütten, das fleischfarbene Knabenkraut steht auf der Roten Liste in Kategorie 2, das heißt, es ist stark gefährdet. Und deswegen wäre es in der Tat nicht nur sinnvoll, sondern notwendig, die Feuchtwiesen unter Schutz zu stellen. Statt dort reiche Schnösel Golf spielen zu lassen. Danke, Meier, aber ich trinke Bier nur aus dem Glas.“

Der lange Meier pulte einen Plastikbecher aus der Verpackung und stellte ihn vor die Frau. Die zog leicht die Brauen hoch, akzeptierte den Becher jedoch als hinrei­chende Notlösung und goss sich ein Bier ein.

„Na, Frau Böhmer“, meldete sich Kevin wieder zu Wort, „das klang ja alles superschlau, aber Ihnen müsste das doch ganz gelegen kommen, dass die hier alles aufkaufen wollen. Jetzt, wo die Bank Ihnen kein Geld mehr gibt und Sie das Schloss nicht halten können.“

„Es beruhigt mich zu wissen, dass ganz Moordevitz offenbar über meine finanziellen Verhältnisse Bescheid weiß, Herr Hansen. Aber ich habe ganz sicher nicht vor, Golfotel Schloss Moordevitz in den Rachen zu werfen. Auch nicht, wenn es dann hier fünf Kaufhallen geben sollte.“

Levke scrollte und zoomte schon wieder auf ihrem Handybildschirm herum. „Aber – aber wenn Sie denen das Schloss nicht verkaufen, dann haben die eine Riesenlücke in ihrem Bauland. Das wird denen nicht gefallen.“

„Wo steht, dass es mich interessieren muss, was denen gefällt?“ Frau Böhmer zog die Brauen hoch.

„Die Bank gibt Ihnen für den Ausbau kein Geld mehr?“ Katharina sah Frau Böhmer stirnrunzelnd an. „Die Bank in Musing-Dotenow?“

„Ich glaube nicht, dass es Sie etwas angeht ...“

„Heißt das, die stecken mit Golfotel unter einer Decke? Indem sie Leute wie Sie ausbremsen und zum Verkauf zwingen?“, fuhr Katharina fort, ohne sich um den Einwand zu kümmern.

Frau Böhmer sah einen Moment nachdenklich über den Platz. „Bislang dachte ich, das sei eine rein wirtschaftliche Entscheidung der Bank gewesen. Aber was Sie da sagen, klingt nicht unlogisch. Geschäfte mit einem Unternehmen wie Golfotel sind sicher wirtschaftlicher als welche mit einer Privatperson. Ich sollte mich wohl mal mit einem der Ver­antwortlichen der Bank unterhalten.“

„Prost, Hertha! Dat krichst du fardig un lääst de Bœwersten von dei Bank de Leviten!“ Der lange Meier hob seine Flasche.

Verständnislos sah Hertha Böhmer ihn an. „Ja, warum denn nicht?“

„Weil Sie die Verantwortlichen überhaupt nicht zu fassen kriegen, Frau Böhmer!“ Kevin Hansen klammerte sich an der Tischplatte fest, er war schon beim vierten Bier angekommen und benötigte eine Stehhilfe. Levke zog ihn auf die Bank herunter.

„Die sitzen trocken in Niedersachsen und fressen unser Geld auf!“, fuhr Hansen wutentbrannt fort. „Die kommen doch nicht her und gucken sich wenigstens mal an, was sie uns hier wegnehmen!“

„Also eigentlich nehmen die nicht unser Geld, sondern wollen uns ihres geben für unser ...“, begann Katharina, aber Kevin Hansen hörte gar nicht zu. „An die kommst nicht ran! Aber wenn ich an die ran käme, dann würde ich mir einen Knüppel ...“

„Schluss!“, fuhr Katharina auf. „Niemand wird hier irgendwas mit Knüppeln! Und du gehst jetzt nach Hause und ins Bett!“

„Du bist nicht im Dien...“

„Ich bin immer im Dienst!“ Katharina zerrte Kevin von der Bank hoch und gemeinsam mit Levke und dem langen Meier bugsierte sie ihn über den Platz und die Dorfstraße zu seinem Haus.

Frau Böhmer sah ihnen nach, war aber offensichtlich in ihre eigenen Gedanken versunken.

eine Doppelseite aus dem Buch 'Mord in Moordevitz'
eine Doppelseite aus dem Buch mit Illustration und Kapitelanfang

Kapitel 18

Der erste Arbeitstag in der Musing-Dotenower Bank war endlich ein Tag, an dem alles gut lief. Die Kolleginnen und Kollegen waren nett und hilfsbereit, Johannas Büro bot einen wunderbaren Blick nach Norden über den Bodden und der Schreibtischstuhl war der Traum eines jeden Ergotherapeuten. Der einzige Wermutstropfen war Frau Frahms, ihre jetzige Assistentin. Sie ging in zwei Wochen in Rente und Johanna würde sich eine neue suchen müssen, statt auf Frau Frahms’ Erfahrung bauen zu können. Aber das war wenigstens kein zwischenmenschliches Problem, denn abgelehnt wie bisher in Moordevitz fühlte sich Johanna ganz und gar nicht, als Frau Frahms ihr mit ungeheurer Begeisterung den Ausblick aus den verschiedenen Fenstern der Bank erklärte.

„Sehen Sie, dahinten, die Graadewitzer Heide – da müssen Sie unbedingt mal wandern. Ins Graadenmoor oder zum Graadewitzer Steintanz. Die Hexenbuchen sind wundervoll! Kommen Sie, wir gehen zu Herrn Müller, von dessen Fenstern sehen wir über die Wiesen und dahinter bis zur offenen See.“

Bereitwillig ließ Herr Müller sie ein und beteiligte sich an Frau Frahms Schwärmereien. „Sehen Sie doch mal, die Moordnitzwiesen, dieses Idyll!“

Johanna musste zugeben, dass diese unspektakuläre wellige Landschaft aus grasgrünen und hahnenfußgelben Wiesen, Weiden und dem Flusslauf der Graadenitz eine Ruhe verströmte, die sie die unerfreulichen Tage einen Moment vergessen ließ.

„Hier wachsen sogar Orchideen! Knabenkraut und das gleich in mehreren Sorten. Es wäre doch ein wirklicher Frevel, wenn man das alles mit zehnstöckigen Hotelkomplexen zubauen würde.“

Da stimmte Johanna den beiden spontan zu. Wer käme auf so eine Idee?

Sie kam am ersten Tag nicht zum wirklichen Arbeiten, auch um die Frage von Frau Weber zum Kredit von Herrn Burmester konnte sie sich nicht kümmern. Gleich zu Beginn kritische Nachfragen zu stellen, schien ihr unge­schickt zu sein. Die Assistentin von Geschäftsführer Dr. Kleinschmidt bat sie in dessen Namen um ein Gespräch. Es ging um Pläne der niedersächsischen Filiale für Musing-Dotenow, die dringend zu besprechen wären, hier sähe er noch Optimierungsbedarf. Leider hätte Herr Dr. Kleinschmidt aber vor einigen Tagen überraschend einen längeren Urlaub nehmen müssen, wegen eines familiären Notfalls. Er wäre aber am 22. Juni zurück und bäte dann zeitnah um einen Termin. Johanna sagte zu, Dr. Kleinschmidt zur Verfügung zu stehen, sobald er von seiner Familie zurückkam. Sie hatte keine Ahnung, um welche Pläne es da gehen könnte – wenn etwas Optimierungsbedarf hatte, hieß das im Business-Kauderwelsch aber im Allgemeinen, dass es sich um totalen Mumpitz handelte.

Der Tag klang mit einem Begrüßungstrunk aus, bei dem Johanna mehr Leute kennenlernte, als sie sich an einem Abend merken konnte. Die Belegschaft der Bank schien aus überdurchschnittlich naturliebenden Menschen zu bestehen. Fast jeder betonte die Schönheit der Landschaft und wies Johanna auf einen Nistplatz von Störchen oder Kranichen hin oder lobte die Vielfalt der Fauna und Flora in und entlang von Moordenitz und Graadenitz. Man empfahl ihr diverse Rad-, Wander- und Paddeltouren – wenn sie die alle absolvieren würde, wäre sie trainiert für einen Marathon. Anfangs fand Johanna das sympathisch, aber im Laufe des Abends fragte sie sich dann doch, wo das herkam. Sie würde sich gelegentlich vorsichtig danach erkundigen.

Nach der Arbeit radelte Johanna durch das abendliche Musing-Dotenow. Es war spät geworden und außer ihr war niemand mehr unterwegs. Da machte das Radeln auf den engen Straßen vorbei an Fachwerkhäusern, restaurierten Jugendstilfassaden und dem ein oder anderen Neubau Spaß. Als sie das Stadttor aus der Backsteingotik passiert hatte, griff die abendliche Stille der Wiesen und Rapsfelder auf Johannas Gedanken über.

Kurz hinter der Brücke über die Graadenitz traf sie doch auf ein Auto, das aber friedlich am Straßenrand parkte. Es trug eine Aufschrift von einem Architekturbüro Growe. Drei Männer standen daneben und diskutierten. Johanna erkannte Andreas Burmester und den Bürgermeister und winkte ihnen zu. Carsten Brandt hatte eine Karte oder einen Plan in den Händen, während der dritte, ihr unbekannte Mann mit ausladenden Gesten irgendetwas in der Landschaft zu erklären schien. Wenigstens Andreas winkte zurück. Johanna wunderte sich kurz, was die drei hier draußen bei Musing-Dotenow wollten. Aber dann fiel ihr ein, dass die Graadenitz die westliche Grenze des Gemeindegebietes von Moordevitz war. Offenbar diskutierten die drei irgendeine bauliche Maßnahme.

Die Sonne war noch nicht ganz untergegangen, aber vor Johanna war der östliche Himmel schon von einem dunk­len Blau, das von der nahenden Nacht kündete. Feuchtigkeit stieg aus den Graadenitz-Wiesen auf und schwebte als dünne Nebelschicht über dem Gras. In der Hecke zwischen zwei Äckern sang eine Nachtigall und von einem Moordevitzer Dachfirst besang eine Amsel den Abend. Bald würde es ganz dunkel sein. Johanna beschloss daher, nicht den schlaglöchrigen Feldweg zu nehmen, sondern den Umweg über Moordevitz und die Eichenallee. In Gedanken versunken bog Johanna in die Allee ein und radelte zwischen den Eichen entlang. Inzwischen war es dunkel. Die feuchte Abendluft verstärkte den Duft des Rapses und Johanna fühlte sich wie berauscht. Bis laute trompetende Schreie die Stille zerrissen. Sie hielt an, stieg ab, fischte ihr Handy aus der Tasche und brachte die Kraniche zum Schweigen, indem sie das grüne Hörersymbol zur Seite wischte.

„Oma, ich grüße dich! Schön, dass du zurückrufst.“

Johanna hatte in einer Pause vergeblich versucht, Großmutter Adelheid anzurufen. Jetzt erzählte die alte Dame vergnügt, dass sie nicht hatte telefonieren können, weil die Kosmetikerin da gewesen wäre. Am Sonntag wäre Tanztee in der Seniorenresidenz. Oma Adelheid lebte erst seit wenigen Monaten dort, schien sich aber gut eingelebt zu haben, denn sie hatte ständig was vor. Überschwänglich bedankte sie sich für die Fotos von Schloss und Dorf, die Johanna ihr auf ihr Handy geschickt hatte.

Johanna ging weiter, während sie telefonierte, in der linken Hand ihr Fahrrad möglichst geradeaus schiebend. Da ihr Dynamo bei Schritttempo nicht mehr genügend Spannung lieferte, musste sie langsam gehen, um im Dunkeln nicht zu stolpern. Sie erzählte von den begonnenen Renovierungsarbeiten, schwärmte von Schloss und Garten und machte den Zustand von allem etwas besser, als er in Wirklichkeit war. Vielleicht auch mehr als nur etwas besser. Sie hoffte, dass ihre Großmutter nicht auf die Idee kam, anzureisen, solange die Renovierung nicht abgeschlossen war. Wer mit fast neunzig noch zur Kosmetikerin ging, im Rollstuhl zum Tanztee wollte und ohne Probleme Fotos per Messenger auf dem Smartphone empfangen konnte, kam auch auf die Idee zu reisen.

„Ich bin so glücklich, dass mit dem Kauf alles geklappt hat, mein Kind! Nicht auszudenken, wenn im letzten Augenblick noch ein anderer Käufer aufgetaucht wäre!“ „Ein anderer Käufer? Woher – ich weiß von keinem.“

„Horst und diese Frau Growe sprachen neulich von einem Schloss, das sie erwerben wollten, aber wahrscheinlich ging es da um ein ganz anderes Gebäude. Ach vergiss es, mein Kind, ich alte Frau hatte nach der großen Freude über den Wiedererwerb einfach furchtbare Angst, der Traum könnte doch noch zerplatzen.“

„Du, sag mal, Oma, du hast die Frau Böhmer doch kennengelernt?“

„Frau Böhmer? Ja, natürlich – die Großnichte der Böhmers, die bei meinen Schwiegereltern in Diensten standen. Sie war Dienstmädchen, er Kutscher. So weit ich mich erinnere, ich war ja noch ein kleines Mädchen. Hast du sie getroffen?“

„Na ja, diese Frau Böhmer hat sich bei mir als Haushälterin eingestellt. Aber ich weiß gar nicht, ob ich …“

„Aber warum denn nicht? Hertha Böhmer ist eine äußerst zuverlässige Person. Also, ich meine, gewesen.“ Oma Adelheid lachte. „Also was ich meine, ist, die Großtante und die Großmutter von deiner Frau Böhmer, die beiden galten als sehr zuverlässige Menschen. Die Großtante hieß auch Hertha, deshalb meine Verwirrung. Die alte und die junge Hertha Böhmer sehen sich sogar ähnlich, und die jetzige hat auf mich einen sehr guten Eindruck gemacht. Und Kind, wir wissen beide, wie du zum Staub Wischen stehst. Den Nießanfall in deiner Studentenwohnung werde ich mein Lebtag nicht vergessen.“

„Haha, sehr witzig, Oma. So staubig ist es bei mir jetzt auch nicht gewesen. Na gut, okay, ich probiere es mit ihr.“

„Tu das, mein Kind. Oh, es klingelt. Das ist Hildegard, zum Canasta-Abend. Mach es gut und schlaf schön!“

„Ja, werde ich, und dir viel Spaß, Oma!“

Johanna tippte auf das rote Hörersymbol. Sie sah noch auf das Handydisplay, weil eine weitere Nachricht eintrudelte, als ihr Kopf gegen etwas stieß. Etwas Dünnes, Festes, elastisch Schwingendes. Sie wich zurück und rieb sich den Scheitel. Was war das denn? Äste hingen nicht in dieser Höhe quer über dem Weg, das wäre ihr auf dem Hinweg aufgefallen. Als sie es erkannte, entfuhr ihr ein kurzes Keuchen. Ein Seil? Sie stellte ihr Fahrrad ab und betastete das Seil.

Ein Stahlseil! Jemand hatte ein Stahlseil quer über den Weg gespannt. Wenn sie mit dem Rad da hineingefahren wäre, hätte das übel ausgehen können. Das Seil war in etwa auf der Höhe, auf der beim Radfahren ihr Hals war.

Was sollte sie jetzt tun? Das Seil entfernen, damit nicht jemand im Dunkeln hineinfuhr? Oder als Beweisstück hängen lassen und die Polizei benachrichtigen? Das hier war kein bloßer Scherz mehr, im schlimmsten Fall konnte es tödlich enden.

Aus Richtung Schloss tauchte ein helles Licht auf, das sich rasch näherte. Als sie begriff, dass sie das Frontlicht eines Fahrrades sah, stellte sie sich mitten auf den Weg und brüllte dem Radfahrer entgegen: „Stooooopp!“

In einer Wolke aus Staub und Sand kam der Radler quer zum Weg vor Johanna zum Stehen.

„Was ist? Brauchen Sie Hilfe?“ Atemlos kamen die Worte unter dem Helm hervor. „Was … ach du Scheiße!“ Die Radfahrerin ließ ihr Rad fallen und trat an das Seil heran. Ihr Fahrrad hatte offenbar Lampen mit Akkus oder Stand­licht, denn sie leuchteten weiter, sodass das Seil zu sehen war. „Wer macht denn so was? Bei Ihnen alles gut?“

Johanna nickte. „Ja, ich war zum Glück kurz vorher abgestiegen und zu Fuß unterwegs. Ich wollte gerade die Polizei rufen, als ich Ihr Licht gesehen habe.“

„Nee, lassen Sie mal. Ich bin die Polizei.“ Die Radfahrerin begann zu kichern. „Wissen Sie, wie lange ich schon auf eine Gelegenheit warte, den Spruch mal anzubringen?“

„Sie … stimmt, jetzt erkenne ich Sie. Frau Sörensen, nicht wahr?“

Levke Sörensens Kichern brach ab. „Äh, ja. Aber woher wissen Sie das?“

„Johanna von Musing-Dotenow. Wir haben uns neulich kennengelernt. Unter ähnlich unangenehmen Umständen wie diesen hier. Wie es scheint, habe ich ein gewisses Ta-*lent, in Tatorte zu stolpern.“

„Hm.“ Levke Sörensen zupfte grübelnd an dem Seil, das daraufhin anfing zu sirren. „Sie sind jetzt auf dem Rückweg zum Schloss? Wann sind Sie denn von dort weggefahren?“

„Heute Morgen, so gegen viertel nach neun. Da hing das noch nicht hier.“

„Ich bin mittags hier durch, da war auch noch nichts.“

Johanna hob den Finger. „Die Handwerker!“

„Wie?“

„Na, die Handwerker im Schloss. Die machen gegen siebzehn Uhr Schluss. Die Transporter passen nicht drunter durch, die hätten ein Seil also bemerken müssen.“

Frau Sörensen nickte. „Stimmt. Die müssen zur Sicherheit befragt werden, aber ich denke, die hätten sich bei uns gemeldet. Sonst haben Sie niemanden gesehen? Also niemand Verdächtigen?“

Johanna schüttelte den Kopf. „Ich habe seit Musing-Dotenow überhaupt niemanden gesehen. Bis auf den Bürgermeister. Der stand mit Andreas Burmester und irgendeinem Architekten an der Straße nach Moordevitz, kurz hinter der Graadenitzbrücke. Aber die werden wohl kaum Seile über Wege spannen.“

Levkes Gesicht verfinsterte sich merklich. „Was die vorhaben, ist aber auch nichts Gutes. Aber, nee, Sie haben natürlich recht, Anschläge auf Radfahrer verüben die nicht.“ Sie stemmte die Hände in die Seiten und betrach­tete das Drahtseil kopfschüttelnd. „Wo ist der Sinn in dem Ganzen? Warum spannt hier einer ein Seil? Hier kommt doch nie jemand lang! Außer Ihnen und alle paar Wochen mal mir. Ist für jemanden, der auf Krawall aus ist, also eine denkbar ineffektive Gegend.“

„Waren Sie im Schloss? Oder geht der Weg noch weiter?“

„Ja, er geht weiter, ist aber ziemlich zugewachsen. Man kann sich durchkämpfen und kommt dann auf einen Waldweg nach Düwelshagen. Da wohnt eine Freundin von mir. Ich ruf meinen Kollegen an, dann können wir das vernünftig fotografieren, bevor wir das Seil abnehmen.“

Unschlüssig stand Johanna neben Frau Sörensen, während die telefonierte. Konnte sie verschwinden? So langsam war ihr nach einem Tee und ihrem Bett.

Die Polizistin steckte ihr Handy wieder ein, schob die Hände in die Hosentaschen und starrte vor sich hin. „Ist komisch, oder? Sie kommen hier an und stoßen gleich auf eine Leiche. Und jetzt das hier. Ein Seil über einem Weg, auf dem außer Ihnen praktisch niemand Rad fährt.“

„Ich hab das heute zum ersten Mal gemacht.“ Johanna gefiel nicht, was Levke Sörensens Worte bedeuten konn­ten. „Es konnte eigentlich niemand wissen, dass ich hier heute Abend lang radeln würde.“

„Stimmt. Und so übel ist es bei der Feuerwehr ja auch nicht gelaufen, oder? Lona hat ganz nett von Ihrer ersten Ausbildung gesprochen und Jens hat nicht geschimpft. Das bedeutet, er war zufrieden.“

Johanna war nur wenig überrascht, dass Levke Sörensen über den Ausbildungsabend bei der Feuerwehr genauestens informiert war. In einem Dorf wie Moordevitz kannte jeder jeden. „Es ist eigentlich nur Katharina, die Sie wieder loswerden will, und Burmester hat irgendwas gegen Sie. Aber zumindest Katharina kriegt sich wieder ein, die ist eigentlich ein echter Kumpel, aber sie hat es gerade nicht leicht. Und der kurze Meier hat rumgeblökt, dass er sich nichts von Ihnen sagen lassen will, wenn Sie kein C-Rohr halten können.“ Frau Sörensen prustete los. „Er hat die wieder verwechselt, stimmtʼs?“

„Ja, hat er. Macht er immer, hab ich gehört.“

„Und nicht nur das. Aber wenn Sie dem im Einsatz sagen, sperr die Straße ab und lass niemanden durch, dann macht der das. Konsequent. Dann lässt der auch die Polizei nicht mehr durch.“

Johanna stimmte in das Lachen ein. „Sagen Sie mal, sind Sie auch bei der Feuerwehr?“

Levke Sörensen nickte, wieder ernst geworden. „Ich konnte letzten Mittwoch aber nicht, ich hatte Dienst. Also, worauf ich hinaus wollte: Weder Katharina noch Burmester oder gar der kurze Meier würden so was Übles tun wie das hier. Dann ist es wohl doch nur Zufall, dass es Sie beinahe getroffen hätte. Oder mich. Aber mich mögen eigentlich alle halbwegs. Denke ich.“

Das glaubte Johanna unbesehen. Sie mochte die unkomplizierte, unbefangene Art der jungen Frau auch.

Aus Richtung Moordevitz näherten sich Autoscheinwerfer.

„Da kommt Finn. Ich denke, Sie können sich jetzt auf den Weg machen. Wenn noch was ist, wissen wir ja, wo wir Sie finden. Gute Nacht!“

„Gute Nacht!“ Johanna schob ihr Rad unter dem Seil durch, stieg auf und radelte langsamer, als sie es sonst tun würde, zum Schloss.

Ja, es gab einige im Dorf, die sie lieber heute als morgen wieder los wären. Aber das Seil hätte sie umbringen können – so weit würde doch keiner gehen.

Würde jemand so weit gehen?

eine Doppelseite aus dem Buch 'Mord in Moordevitz'
eine Doppelseite aus dem Buch mit Illustration und Kapitelanfang

Kapitel 19

„Dat geiht ja schon ganz gaut.“

Johanna war vorsichtig erleichtert. Wenn der lange Meier fand, dass sie ganz gut mit dem Barkas klarkam, durfte sie das Kleinlöschfahrzeug vielleicht bald allein fahren. Auf den Dörfern wurde tagsüber jedes Feuerwehrmitglied gebraucht und noch mehr jedes, das fahren konnte. Olli war gerade erst achtzehn und arbeitete noch am Führerschein. Der kurze Meier war dreimal durch die Prüfung gefallen, bevor ihm der lange Meier erst mit sanftem, dann mit unsanfterem Druck klargemacht hatte, dass es im Sinne des allgemeinen Bevölkerungsschutzes wäre, wenn er bei seiner Schwalbe bliebe.

Deshalb hatten Lona und der lange Meier durchgesetzt, dass Johanna das Einsatzfahrzeug fahren können sollte, zumal sie häufiger von zu Hause aus arbeiten würde und somit tagsüber häufiger in Moordevitz wäre und als Fahrerin zur Verfügung stehen würde. Allerdings hatte Jens darauf bestanden, dass sie eine gründliche Einweisung in die Feinheiten der Bedienung des DDR-Reliktes bekam.

Also hoppelte und kneterte der Barkas mit Johanna hinter dem Steuer und dem langen Meier auf dem Beifahrersitz seit zwei Tagen über die örtlichen Feldwege.

„Dann låt uns hüt mål bet Musing-Dotenow führn. Dor kœn’n wi ok glieks tanken. Dor rechts.“ Der lange Meier wies mit dem Kinn vage vor sich. Aber Johanna wusste längst, wo es nach Musing-Dotenow ging: am Kirchplatz vorbei und dann immer der Straße nach. Kurz vor dem Platz war die Straße leicht abschüssig. Sie wollte nicht zu schnell auf den Abzweig stoßen, dort war die Schulbushaltestelle und es konnte jederzeit eine Horde Kinder aus einem Bus purzeln.

Johanna trat auf die Bremse.

Es passierte nichts.

„Büst ʼn büschen fix“, kommentierte der lange Meier seelenruhig.

Johanna war weniger ruhig, denn sie trat das Pedal inzwischen bis auf den Boden durch. Der Barkas zeigte keine Reaktion. Er wurde sogar schneller mit zunehmendem Gefälle. Ungebremst gerieten sie in Sichtweite des Abzweigs und der Haltestelle. Der Schulbus fuhr gerade ab. Die Horde Schulkinder, die er ausgespuckt hatte, tobte über Straße und Fußweg. Paula, die zweitälteste von Lona, kabbelte sich mit einer Freundin. Beide versuchten, sich gegenseitig vom Bürgersteig zu drücken. Die Freundin gewann, Paula musste mit einem Fuß auf die Straße treten. Sie stolperte und stürzte der Länge nach auf die Fahrbahn. Noch lachten beide. Dann sah Paula hoch und direkt in Johannas Augen.

Der Barkas fuhr unmittelbar auf das vor Schreck starre Mädchen zu. Johanna hatte keine Wahl – sie riss das Lenkrad herum. Der Barkas krachte in die Eibe.

© Wiebke Salzmann