• Wiebke Salzmann

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Die Krimikarte „Altweibersommer“

Titel der Krimikarte

Die drei Großtanten von Polizeiobermeisterin Levke Sörensen können nicht nur legendäre Sanddornmarzipankekse backen, sie haben es auch faustdick hinter den Ohren …

Krimikarte „Altweibersommer“ um legendäre Sanddornkekse

Klappkarte (6-seitig) im DL-Format mit Heft (36 Seiten) im DIN-A6-Format
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Erhältlich im Shop

Die Krimis spielen an fiktiven Orten an der Ostseeküste von Mecklenburg-Vorpommern. Sanddorn wächst an vielen Stellen entlang der Küste, auch Steilküsten, an denen Autos hinabstürzen könnten, gibt es nicht nur auf Rügen.

Sanddorn

Sanddorn

Ein Zweig mit Sanddornbeeren
Diesen Sanddorn habe ich am Strand von Lietzow auf Rügen fotografiert.

Sanddorn ist wohl einer der typischsten Pflanzen für die Ostseeküste. Er wurde in Deutschland, nämlich in der damaligen DDR, erstmals Ende der 1960er Jahre als Kulturpflanze angebaut.

Sanddornsträucher überziehen mancherorts als dichtes ausgedehntes Gebüsch die Dünen. Ab August erscheinen die leuchtend orangefarbenen Beeren. Wegen ihres hohen Vitamin-C-Gehaltes wird Sanddorn auch als Zitrone des Nordens bezeichnet. Entsprechend sauer sind die Früchte auch, weshalb sie selten roh gegessen werden. Statt dessen gewinnt man Saft oder Mark aus den Beeren. Sanddornöl wird in Hautpflegeprodukten verwendet.

Tante Hildes Sanddornmarzipankekse

Tante Hildes Sanddornmarzipankekse

Sanddornbeeren im Schnee
Dieser Sanddorn ist aus der Rostocker Heide.

Zutaten für 35–40 Kekse:
200 g Marzipanrohmasse
100 g Zucker
50 ml Sanddormark (ungesüßt)
2 Eier
1 gestrichener Teelöffel Backpulver
100 g Mehl

Backtemperatur: 160 °C (Heißluft)
Backzeit: ca. 15–20 min

Marzipanrohmasse in Bröckchen zerzupfen, Marzipan mit Zucker, Eiern und Sanddormark verrühren. (Vorsicht beim Einsatz eines elektrischen Küchenmixers – es könnte spritzen! Ich vermische Marzipan, Zucker, Eier und Sanddornmark mit einer Gabel.) Mehl und Backpulver mischen und unterrühren. Es entsteht ein zähflüssiger Teig.
Backblech(e) fetten und mit Mehl einstäuben oder mit Backpapier auslegen. Mit Löffeln Kleckse des Teiges auf das Blech setzen. Die Kleckse fließen etwas auseinander, daher die Abstände entsprechend anpassen.
Den Ofen vorheizen und die Kekse backen.

Leseprobe aus dem Krimi „Altweibersommer“

Leseprobe aus dem Krimi „Altweibersommer“

Das Cover zum Krimi 'Altweibersommer'
Das Cover des Krimis „Altweibersommer“

„Liebe Leute, brauchen wir den ganzen Kram wirklich? Sollten wir bei der Gelegenheit nicht *gleich mal ausmisten?“ Isolde wühlte in ihren Computerzeitschriften.

Hilde kämpfte mit den Kartons mit der Aufschrift „Küche“ und das Klappern der Töpfe übertönte ihre Antwort. Gerda schleppte derweil ihre Laborausrüstung in den Keller. „Das hätten wir dann aber vor dem Umzug tun sollen. Und ich habe Jahrzehnte mit diesen guten Stücken gearbeitet.“ Fast zärtlich strich sie über einen Erlenmeyer-Kolben. „Die behalte ich.“

„Jaja, schon gut, die Dinger leisten uns ja auch ausgesprochen gute Dienste. Kann mir mal eine beim Tragen des Computers helfen? Wo ist er eigentlich – ich hatte ihn doch hier ...“

Es klingelte.

Fragend sahen sich die drei alten Damen an.

„Besuch? Hach, du lieber Gott, wir sind doch noch gar nicht richtig eingezogen!“ Hilde wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Wie das hier aussieht! Nein, da kann man doch keinen reinlassen, was sollen denn die Leute denken!“

„Ach, lass die doch denken. Die meisten denken ohnehin gar nicht.“ Gerda trat ans Fenster. Ein Polizeiauto stand vor dem Haus. Beim Anblick des schief mit dem Heck in die Fahrbahn ragenden Autos, dessen rechter Vorderreifen halb auf dem Bürgersteig stand, rief sie begeistert: „Oh, das ist Levke, unser Levchen besucht uns. Das war wirklich eine wunderbare Idee, in ihr Revier zu ziehen!“

Sie beobachtete, wie aus dem Polizeiauto ein Terrier purzelte, durch das halb offen stehende Gartentörchen wuselte und durch den Vorgarten rannte. Als letzter stieg ein adrett gekleideter mittel­alter Herr dem Auto, klopfte sich den Mantel ab und ging gemessenen Schrittes ebenfalls durch Gartenpforte und Vorgarten. „Levke besucht uns? Ach, wie nett!“ Hilde schob sich an der emsig tippenden Isolde vorbei und eilte zur Tür. „Es ist außerordentlich beruhigend, eine zukünftige Kriminalkommissarin in direkter Nähe zu haben.

Und es ist noch viel beruhigender für sie, uns in direkter Nähe zu haben.“

Sie riss die Tür auf und die junge Polizistin, die davor stand, in ihre Arme. Dann zog sie den Besuch in die Diele, wartete noch, bis Terrier Goliath hereingewuselt war, und drückte die Tür zu. Levke versuchte, gleichzeitig die überschwänglichen Begrüßungen der drei alten Damen zu erwidern und Goliath davon abzuhalten, zu überschwänglich zu werden, nachdem sich bereits ein Stapel Mützen durch den Flur ergossen hatte. Dann hielt sie kurz inne und zwirbelte nachdenklich den blonden Pferdeschwanz.

„Ah, ja, ich wusste, da fehlt noch was.“ Sie wandte sich zurück zur Tür und zog diese wieder auf, um den adrett gekleideten mittelalten Herrn einzulassen, der mit Blumenstrauß, Leidensmiene und märtyrerhafter Geduld mit dieser Welt und ihren Bewohnern noch vor der Tür wartete.

„Darf ich vorstellen, Großtante Isolde – mein Chef, Oberkommissar Pannicke. Wir mussten noch zu einem Einsatz, deshalb habe ich ihn mitgebracht.“

„Guten Tag, die Damen! Es ist mir natürlich völlig bewusst, dass mein unangemeldetes Erscheinen Sie in Unannehmlichkeiten stürzen könnte. Ich habe mir erlaubt, Ihnen zum Einzug eine kleine Aufmerksamkeit mitzubringen.“

„Hach, du lieber Gott, das ist aber zu reizend! Blumen! Und wie die duften! Kommen Sie doch bitte herein!“ Hilde nahm die Blumen entgegen und musterte Pannicke mehr oder weniger auffällig von oben bis unten.

„Wieso Chef? Ich denke, du hast eine Chefin und die liegt doch wohl krank im Bett?“, raunte Gerda Levke ins Ohr, während Isolde kritisch die Stirn runzelte.

„Ist ja auch so. Aber Pannicke ist der nächste in der Rangordnung und wenn Katharina nicht da ist, ist er der Chef.“

„Hm“, machte Isolde und verschwand in der Küche, wo sie mit Plastikdosen mit verschiedenfarbigen Deckeln hantierte, bis sie eine mit rotem Deckel in der Hand hatte.

„Aber wir dachten, jetzt wo das Fräulein Katharina krank ist, hast du auch mal mehr Verantwortung …“

„Hab ich ja auch, Tante Gerda. Pannicke macht das, was Katharina sonst tut, und ich mach seinen Job. Oder na ja, ein kleines Bisschen was davon. Und mit seiner Hilfe natürlich. Ich bin doch bloß Polizeiobermeisterin.“

„Hm. Na gut. Aber das wird sich ja dann ändern.“ Gerda schien zufrieden zu sein. Mit den Worten „Eine Tasse Kaffee?“ nahm sie Pannicke den Mantel ab.

„Aber nur wenn es keine Umstände macht.“

„Kaffee ...“ Hilde wuselte in die Küche. „Was denkt sie denn, wie wir in diesem Durcheinander anständigen Leuten Kaffee servieren sollen. Isolde – such doch mal die Tassen heraus! Nein, nicht im Karton, die sind schon oben im Schrank. Und – Isolde!

Doch nicht die Keksdose mit dem roten Deckel, wenn unser Levchen dabei ist!“

Levke folgte ihrer Großtante in die Küche. „Lasst mal, ich hole die Tassen runter.“ Sie kletterte auf die Arbeitsplatte, richtete sich auf, versuchte die Tür des Oberschrankes zu öffnen, was nicht ging, weil sie davor hockte, stieg wieder herunter, öffnete den Oberschrank, krabbelte wieder auf die Arbeitsplatte und holte fünf Tassen aus dem obersten Fach. Die brachte sie in die Stube, wo Pannicke derweil von Gerda einem Verhör unterzogen wurde – mit leutseligem Lächeln, aber deswegen nicht weniger gnadenlos. Hastig stellte Levke die Tassen auf eine freie Ecke des Tischs und floh zurück in die Küche, wurde aber von Gerda verfolgt. „Ich finde ja, Mädchen, der Herr ist eine gute Partie, er hat ein Haus geerbt, ist noch solo und ...“

Hilde schüttelte den Kopf. „Hach, nein, Gerda! Der ist doch viel zu alt für unsere Kleine! Und wir sind hierhergezogen, um sie bei ihrer Karriere zu unterstützen, nicht um sie unter die Haube zu bringen.“

Levke strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. „Hört bitte auf damit! Pannicke ist mein Chef! Das geht doch nicht, was soll der denn von euch denken? Und ich möchte bitte weder unter die Haube gebracht, noch bei der Karriere unterstützt werden. Möchtet ihr ihm nicht lieber Kekse anbieten? In der Plastikdose sind doch eure Wahnsinns-Sanddorn-Marzipan-Kekse. Die haben meiner Chefin neulich auch supergut geschmeckt, ich sollte euch dafür noch mal ‚Danke‘ sagen.“

„Sie haben der Hauptkommissarin geschmeckt, unsere Kekse? Dann hat sie auch wirklich alle aufgegessen? Das ist sehr gut, bring ihr doch noch welche vorbei. Sie ist doch sicher noch länger krank, oder?“

„Naja, sie meinte, eine Woche soll sie noch zu Hause bleiben. Wobei der Arzt nicht wirklich was gefunden hat.“ Levke griff sich eine der Frischhaltedosen, packte sie oben auf einen Tellerstapel und ging in die Stube, wo Pannicke mit heldenhafter Fassung beobachtete, wie Isolde auf ihrem Laptop seinen Lebenslauf im Internet recherchierte.

„Ach, dann gehen Sie erst in 21 Jahre in Rente? Aber spätestens dann wird doch sicher unser Levchen in Ihre Position aufrücken? Oder geht das irgendwie auch früher?“ Isolde sah Pannicke fragend an.

Wie der Blitz war Hilde hinter Levke her, eine zweite Dose in der Hand. „Doch nicht die mit dem roten Deckel! Das Zeug kann man doch Gästen nicht anbieten! Die mit dem grünen Deckel, Levchen, nur der grüne Deckel! Und überhaupt gehören Kekse in eine Schale zum Servieren!“

So unauffällig sie konnte, schob Hilde die rot bedeckelte Dose auf einen Kartonstapel außer Sichtweite und versuchte, den Inhalt der grün bedeckelten so anzurichten, dass es wirkte, als läge er nicht in einer Kunststoffdose, sondern auf der goldumrandeten Kuchenplatte von Urgroßmutter Elfriede.

Gerda murmelte vor sich hin: „Nur noch eine Woche krank? Da sollte das Fräulein Katharina aber auf jeden Fall rechtzeitig noch eine Dose mit Keksen bekommen.“ Derweil rückte sie drei Stühle an den Tisch und versuchte, den vierten an den Kartons vorbeizuzirkeln. Ein fünfter Stuhl wurde nicht benötigt, da Isolde in der Ecke auf einem Karton hockte und immer noch in ihrer Recherche versunken war.

„Aber nein, verehrte Dame, lassen Sie mich die Kartons beiseite stellen, nein, wirklich, das macht keine Umstände!“ Pannicke war ganz Gentleman, trotz des befremdlichen Verhaltens der drei alten Damen. „So, sehen Sie, schon haben wir Platz zum Sitzen. Ein bemerkenswert schönes Haus haben Sie da erstanden. Und so ein wunderbar akurat angelegter Kräutergarten!“ Pannicke stand am Fenster und sah hinaus auf den Gemüsegarten. „Ich sehe, Sie nutzen die Methoden des biologischen Anbaus?“

„Aber ja. Wir mulchen, nutzen Fruchtfolgen und Mischkultur. Schließlich möchte niemand Chemie in seinem Kräutertee oder seiner Gemüsepfanne!“ Pannickes Kenntnisse in biologischer Gartenwirtschaft hatte ihm bei Hilde ganz offensichtlich Pluspunkte eingebracht.

„Darf man fragen, wieso Sie es in unser schönes Musing-Dotenow verschlagen hat?“

„Aber natürlich dürfen Sie fragen – seit unsere Schwester, Schwägerin und Kusine verstorben ist, ist die arme kleine Levke doch ganz allein auf der Welt! Wo sie doch schon so früh Waise geworden ist! Da muss sich doch einer um sie kümmern. Und dann hat sie ja auch noch diese gefährliche, schwere Arbeit! Jetzt, wo ihre Chefin krank ist, kann sie natürlich auch mal zeigen, was in ihr steckt. Erzählen Sie doch bitte, mit welchen Verbrechen befassen Sie sich denn gerade?“

„Nun, ich darf Ihnen versichern, dass wir die Kollegin nicht mit Fällen betrauen werden, für die sie noch nicht die nötige Erfahrung mitbringt. Wir sind uns unserer Verantwortung gerade den jungen Kollegen gegenüber mehr als bewusst“, beeilte Pannicke sich zu versichern. „Aber ich darf bemerken, dass gerade Ihre Großnichte sich zu einer überaus fähigen Polizistin zu entwickeln verspricht.“

Drei faltenumrandete Augenpaare musterten ihn mit Wohlgefallen. „Das freut uns natürlich außerordentlich“, erwiderte Gerda. „Möchten Sie uns nicht einen kleinen Einblick in Ihre aktuellen Fälle geben? Damit wir wissen, wie wir unsere Levke unterstützen können?“

Levke verdrehte die Augen. Leider hatte keiner ihrer Großtanten Enkel, sodass sich deren dreifache Fürsorge komplett über Levke ergoss. „Tante Gerda, ihr müsst mich nicht unterstützen, es sei denn, ihr wollt meine Fenster putzen. Das hasse ich wirklich. Und über aktuelle Fälle dürfen wir nicht sprechen, das wisst ihr doch.“

„Aber nehmen Sie doch bitte einen Keks! Wissen Sie, die sind ganz frisch!“ strahlte Hilde Pannicke an. „Die habe ich gestern erst nach einem alten Familienrezept gebacken. Das erbt Levke, wenn wir mal nicht mehr sind.“

„Was bei meinen Kochkünsten die Verschwendung des Jahrtausends wäre“, kicherte Levke, ohne Beachtung zu finden.

„Danke, sehr gern!“ Pannicke nahm sich einen Keks. „Der Kaffee ist übrigens vorzüglich! Aber das ist ja furchtbar, wenn Sie drei liebe Menschen verloren haben!“

„Nee, das war nur eine Tote“, griff Levke ein, „es geht um meine Oma und die ist schon seit über einem Jahr tot. Großtante Gerda ist ihre Schwester, Großtante Hilde ihre Schwägerin und Großtante Isolde ihre Kusine.“

Pannicke verarbeitete die Information stirnrunzelnd und kaute derweil den Keks, der tatsächlich außerordentlich gut schmeckte. „Sehr schmackhaft, Ihre Sanddorn-Kekse, in der Tat!“

„Dann nehmen Sie auf jeden Fall noch welche, Herr Hauptkommissar.“ Hilde hielt Pannicke die Dose hin. „Was für ein Einsatz war denn das, von dem Sie gerade kommen? Ist etwas Schlimmes passiert? Sie haben ja doch einen nicht ungefährlichen Beruf, für unser aller Sicherheit!“

„Oberkommissar, werte Dame, nur Oberkommissar. Nun, der Einsatzort war in Doodewisch. Und – ja, ich denke, im Sinne der Verbrechensprävention und des Schutzes der Bevölkerung sollte ich Ihnen mitteilen, worum es ging. Sie verstehen, dass wir normalerweise keine Details zu laufenden Ermittlungen weitergeben dürfen.“ Drei silberhaarige krimierfahrene Köpfe nickten äußerst verstehend und Pannicke fuhr fort: „Es geht um Betrug im Zusammenhang mit der Vermietung von Ferienunterkünften. Eine ältere Dame in Doodewisch vermietet jeden Sommer an Feriengäste. Und ...“

In Anbetracht der Tatsache, dass in der grünbedeckelten Dose nun keine Kekse mehr waren, griff Levke zur rotbedeckelten, die in Reichweite auf einem Kartonstapel stand. Immerhin hatte sie seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Sie pulte an dem roten Deckel herum, um an den Inhalt zu kommen.

„Nein!“ Hilde schoss herbei, stolperte über eine Kiste und landete auf Levkes Schoß.

„Nicht die, auf keinen Fall!“ Gerda schnappte sich den Regenschirm, der aus irgendwelchen Gründen an der Wand lehnte, und stieß Levke die Dose aus der Hand. Endlich ging der Deckel auf, Dose, Deckel und Kekse flogen getrennt durch den Raum und verstreuten sich über den Boden. *Goliath kläffte begeistert und wollte sich über die zerbröselten Kekse hermachen.

Isolde warf ihr Laptop von sich, stürzte sich auf den Hund, riss ihn hoch und hielt ihn eisern fest, worüber der sich kläffend beschwerte.

„Äh ...“ Levke richtete Hilde auf und sah ratlos von einer zur anderen.

Hilde strich sich die Schürze glatt und räusperte sich. „Also der, äh, die Kekse, die sind schlecht. Ja. Schlecht.“

„Genau“, sprang Gerda ein. „Davon verdirbst du dir den Magen. Die sind leider während des Umzugs nicht im Kühlschrank gewesen.“

„Und überhaupt soll der Hund hier nicht vom Boden fressen. Hunde haben nur das zu fressen, was sie in ihren Napf bekommen. Jawohl.“ Hilde drehte sich auf dem Absatz um und verschwand in der Küche, um kurz darauf mit Kehrblech und Handfeger wieder zu erscheinen.

„Kekse müssen im Kühlschrank aufbewahrt werden?“, fragte Pannicke stirnrunzelnd nach.

Auch Levke musterte die drei alten Damen verwirrt. „Alles in Ordnung bei euch? So ein Umzug ist doch recht anstrengend, oder?“

„Höre ich da ein unausgesprochenes ‚in eurem Alter‘ heraus?“, empörte sich Gerda. Um dann versöhnlicher hinzuzufügen: „Aber ja, du hast ja recht. Es ist anstrengend, wenn man nicht mehr dreißig ist. Und seit Wochen zwischen Kartons lebt. Noch Kaffee? Und wie ging nun die Geschichte in Doodewisch weiter?“

Hilde hatte derweil die grüne Dose wieder aufgefüllt. Levke nahm zur Sicherheit gleich fünf Kekse und drückte den grünen Deckel wieder ordentlich auf die Dose. „Das ist eine üble Sache, da in *Doodewisch. Ganz übel. Weil es gerade die alte Oma Burmeester getroffen hat. Die hat echt nicht viel, außer den Mieteinnahmen im Sommer. Die Ärmste war völlig verzweifelt, als sie bei uns war, um Anzeige zu erstatten. Sie hat Angst, jetzt das Haus zu verlieren. Beklaut haben sie sie auch noch – das einzig Wertvolle, was die alte Dame hatte, eine Goldkette von ihrer Uroma. Also, wenn ihr hier mal einen dunkelroten SUV seht, mit einer rosa gestylten Tussi mit blonder Wallemähne und so einen Schnösel mit Tweed-Jacket, ruft mich sofort. Ich erschieß die auf der Flucht. Nein, Großtante Hilde, guck mich nicht so ängstlich an. Ich erschieße natürlich niemanden. Aber verhaften würde ich die liebend gern.“

„Und ich bin sicher, Polizeiobermeisterin Sörensen, das werden Sie auch“, warf Pannicke wohlwollend ein. „Ich bin außerordentlich dankbar, dass Sie mich in diesem Fall unterstützen. Wo ich selbst durch die Untersuchungen der Einbruchsserie so in Anspruch genommen bin und Polizeihauptmeister Schwaiger in seinem wohlverdienten Urlaub weilt.“

Levke errötete leicht. „Ich werd Sie bestimmt nicht enttäuschen.“

Gerda und Hilde wechselten zufriedene Blicke.

„Ein Foto von denen hast du nicht zufällig?“, fragte Isolde beiläufig.

„Doch. Hab ich. Hat der Nachbarsjunge gemacht. Vielmehr, eigentlich hat er das Auto fotografiert, er fand das cool. Die beiden sitzen drin, man kann sie aber halbwegs erkennen. Warte mal ...“ Levke wischte auf ihrem Handy herum und zeigte Isolde das Foto. „Wenn ihr zufällig was Verdächtiges seht, ruft mich an. Mehr unternehmt ihr aber auf keinen Fall, man weiß nicht, wie gefährlich die beiden sind.“

„Bestimmt nicht.“ Hastig schüttelte Hilde den Kopf.

„Wo denkst du hin, Kind. Wir haben genug erlebt, wir wollen nur unsere Ruhe haben“, erklärte Gerda.

„Das kann ich mir wohl denken.“ Levke umarmte die drei zum Abschied, Pannicke beließ es bei Händedrücken und formvollendeten Verbeugungen, Goliath verteilte feuchte Küsschen und alle drei stiegen wieder in das Polizeiauto.

„Hach, Kinder, dass ein Mann heute noch solche Manieren hat! Den müssen wir uns als Schwiegergroßneffen warmhalten!“ Hilde stieß einen entzückten Seufzer aus.

Isolde hatte ganz eindeutig anderes im Kopf. „Ihr Haus verlieren, ja? Die Bande muss unser Levchen auf jeden Fall schnappen. Und zwar bald. Das wäre für sie auch ein ordentlicher Sprung auf der Karriereleiter.“

„Zusammen mit diesem schmucken Oberkommissar“, warf Hilde ein. „Er will unser Levchen doch auch unterstützen. Ihr werdet sehen, bald ist sie Kriminalhauptkommissarin.“ Verzückt lächelte Hilde vor sich hin.

Isolde reagierte nicht, sah eine Weile mit gespitzten Lippen auf den Bildschirm, dann flogen ihre Finger über die Tastatur. „Gut so?“

Gerda beugte sich über das Laptop.

„Perfekt. Hoffen wir mal, dass Musing eine ihrer nächsten Stationen ist.“

Isolde nickte. Entschlossen drückte sie auf die Enter-Taste und ging dann die Treppe hinauf. Im Obergeschoss begann der Drucker zu rauschen. Kurz darauf kam Isolde mit einem Blatt wieder herunter. „Gut so?“

Missbilligend schüttelte Hilde den Kopf. „Isolde, man schreibt das klein. ‚zu vermieten‘ ist eine Infinitivkonstruktion, keine Substantivierung.“

*

Ein Käuzchen schrie, der Wind fuhr durch die Baumkrone.

„Dass wir uns mitten in der Nach hier draußen herumtreiben müssen! Andere Leute liegen um diese Zeit anständig in ihren Betten! Die erleben so was Furchtbares gar nicht! Schrecklich!“

Mondlicht fiel zwischen den hohen Buchen auf zwei reglose Gestalten. Eine Mähne hellen Haares schimmerte leicht, an der anderen Gestalt war schwach ein Tweed-Muster zu erahnen. Ein Stück weiter rechts lag ein rosafarbener Pump.

„Und dass du so dicht an den Steilhang fahren musstest! Das ist gefährlich – du weißt, wie instabil diese Steilküsten sein können. Und ungesund ist es auch. Das letzte Stück hätte man auch sehr gut schieben können. Man muss nicht immer bis ins Bett mit dem Auto fahren!“

Das dunkelrote Auto stürzte den Doodewischer Steilhang hinab und blieb an einer Buche hängen.

Kurze Zeit später schlugen Flammen aus dem Wagen. Es knackte zwischen den Bäumen.

„Hilfe! Was war das? Da ist doch wer?“

„Blödsinn, wer soll denn hier außer uns noch ... los, weg hier. Aber leise!“

„Aber das ist doch ... der sollte doch nicht hier auftauchen!“

„Leise!!“

Eine adrett gekleidete Gestalt löste sich aus dem Schwarz zwischen den Stämmen, kam den Weg entlang gewandert, stutzte kurz und beschleunigte dann ihren Schritt. Als sie den Steilhang oberhalb des brennenden Autos erreicht hatte, sah sie sich um. Dann zog sie etwas aus der Jackentasche, offenbar ein Handy.

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© Wiebke Salzmann