• Wiebke Salzmann

  • Text-Wirkerei

  • Wirken an Texten – Wirken von Texten

Drachenwetter

Cover des Buches

Lichterscheinungen am Himmel, ein nicht enden wollender Winter im Norden, Dürre im Süden, bis auch hier Schnee fällt. Drachen tauchen auf – mit Schneestürmen, Blitz und Donner. Niemand hatte mehr an die Wetterdrachen geglaubt. Was hat es zu bedeuten, dass sie jetzt ihr Unwesen treiben?
Ein geheimnisvoller Auftrag treibt Hunar, Brimill, Askja und Svala zum Berg Hamra. Ihre Aufgabe ist es, die Drachen zu bändigen – aber jeder hat auch ganz eigene Gründe, sich auf die Wanderung zu machen: Hunar sucht seinen verschollenen Bruder, Bylgja will einen Krieg verhindern, Svala flieht vor einer Zwangsheirat und Askja ist neugierig auf die Welt jenseits der Grenzen des Gamlaskog.
Was hat es mit den Lichtern und dem unzeitigen Wetter auf sich? Und welche Rolle spielt der unheimliche Haukur in der Geschichte und in Hunars Familie?

Klappenbroschur, 552 Seiten, Schmuckausgabe mit Drachenillustrationen, partieller Lackveredlung und Farbschnitt
20 € inkl. MwSt

Erhältlich ab August 2026 im Shop

Leseprobe aus dem Kapitel Schneedrachen

Nein …“ Askja sank in die Knie, die Augen starr zum Himmel gerichtet. Hunar fuhr herum, folgte ihrem Blick und erstarrte ebenfalls. Dann sahen auch Brimill und Svala den grünen Drachen. Svala schrie auf, kauerte sich neben Askja in den Schnee und barg das Gesicht in den Händen. Der Drache kreiste über ihnen, sie sahen die glänzenden Schuppen, rochen den Duft nach Wald und Regen und blickten in das klare Grau seiner Augen. Er streckte den Hals nach unten, musterte sie. Langsam zog er Kreise über ihnen, die Luft um ihn herum leuchtete gelb und golden. Auch aus dieser Entfernung war seine schiere Größe erdrückend, ein einziger feuriger Atemhauch von ihm konnte sie alle vernichten. Jedem von ihnen stand das Bild des brennenden Hamarborgs vor Augen. Das Drachenmaul öffnete sich einen Spalt, warme Luft strömte heraus. Kurz zeigte sich eine grüne Zungen­spitze. Aus dem Kreisen wurde eine Spirale, als der Drache sich all­mählich herabsenkte. „Der kommt hier runter ...“ Hunars Stimme war mehr ein Krächzen.

„Dann – verdammt, das Dings – Askja – du hast doch das – das Blatt! Das Blatt!“ Brimill brüllte Askja an, bis die ihn endlich begriff, mit zitternden Fingern das Blatt aus ihrer Tasche holte, es dem Drachen entgegenhielt und leicht damit wedelte.

Der Drache schwebte jetzt in wenigen Schritten Höhe über ihnen. Das gelbe Leuchten hüllte sie ein, ließ den Schnee um sie herum leuchten wie Gold. Der Drache bog seinen Kopf, als betrachtete er das Blatt von allen Seiten, dann schnaubte er leise und verschwand, einen Duft nach Regen und Frühling hinterlassend.

Askja krümmte sich in Hunars Armen zusammen. Der zwang sich, den Drachen zu beobachten. Aber er flog tatsächlich davon, ohne sich um­zusehen. Die vier saßen und standen lange, ohne sich zu rühren, und sahen dem Drachen nach. Erst als er nicht mehr zu erkennen war, atmeten sie vorsichtig erleichtert auf.

„Das ging ja soweit ganz gut“, murmelte Hunar. „Lasst uns zusehen, dass wir weiter kommen, vor allem raus aus diesem Schnee.“ Er deutete weiter nach oben. Noch lag der Schnee nur stellenweise. Das würde sich bald ändern.

Brimills Finger krallten sich wie ein Schraubstock um seinen Arm. Hunar brach ab. Ein Punkt näherte sich, wurde größer, nahm Konturen an. Ein roter Fleck. Hunar zog scharf den Atem ein. Ein Fleck mit den Konturen eines Drachens. Atemlos verfolgten sie seinen Weg. Seinen Weg direkt zu ihnen. Dann erstarrten sie. Es war Hvinur. Dessen Zeichen die Muschel war.

Jetzt war er über ihnen, schwebte oben am Himmel, senkte sich immer weiter auf sie zu.

Hunar hatte das Gefühl, sein Blut sacke in seine Füße. „Der rote ...“ stam­melte er.

Brimill nickte nur wortlos, sein Magen fühlte sich an wie mit Eis gefüllt. „Hunar – das ...“ Brimill musste würgen. Der Drache näherte sich rasch und unaufhaltsam. Schon konnten sie seine schwarzen Augen erkennen, tiefe glänzende Spiegel. Dann waren die roten Schuppen zu sehen, rot wie Feuer, rot wie Blut, durchzogen von schwarzen Schatten wie Wolkenfetzen. Rot flammte die Luft auf, rot glühte der Schneefleck. Langsam öffnete der Drache sein Maul, fußlange Zähne blitzten weiß. Die Zunge glitt unruhig hin und her. Gleich war der Drache da, noch wenige Augenblicke, und das Maul würde sich um sie schließen. Ein Fauchen dröhnte über sie hinweg, dann kam das Feuer. Ohne Vorwarnung schoss eine rote Lohe aus dem Drachen­maul, fegte über sie. Sie schrien auf und warfen sich auf den Boden, duckten sich unter der Hitze. Vorsichtig blinzelte Hunar hoch. Der Drache war nur mannshoch über ihnen, rot glühend, rot glühend auch die Luft um ihn herum. Selbst der Berg glühte, das Gestrüpp weiter oben am Hang stand in Flammen. Wieder fauchte der Drache, sie konnten die Hitze seines Mauls spüren. Er beugte den Hals, das Maul mit den dolchspitzen Zähnen schoss nach unten, auf Hunar zu – Brimill riss ihn zur Seite, krachend schlossen sich die Kiefer über nichts als Luft. Der Drachenkopf fuhr herum, die Augen schlossen sich zu schmalen Schlitzen und musterten etwas unterhalb von ihnen. Einen Moment schwebte der Drache reglos in der Luft, dann riss er sich herum und flog rasch den Berg wieder hinunter.

Stumm verfolgten die vier den Abflug des Drachen. Hunar klammerte sich an Brimill, er hatte sein Glück noch nicht ganz begriffen.

„Ist er wirklich weg?“, hauchte Askja. „Was hat er da verfolgt?“

„Sieht – sieht so aus.“ Brimill brauchte mehrere Anläufe für die Antwort. „Vorerst jedenfalls“, setzte er dann krächzend hinzu.

„Aber warum? Die Muschel haben wir doch nicht“, flüsterte Svala kaum hörbar.

„Vielleicht reichen die anderen drei Zeichen ja oder was weiß ich.“ Brimill ließ sich schwer auf den Boden fallen, aber jetzt war es Hunar, der ihn wieder hochzog. „Wir müssen weiter, so schnell wie möglich. Der Drache wurde abgelenkt, ich konnte es nicht genau erkennen, aber es sah aus wie eine weiße Eule ...“

„Hrimugla?“ Askja sah ihn erstaunt an. Hunar zuckte nur die Schultern. „Ich weiß nicht – aber gewöhnliche Eulen hätten ihn nicht misstrauisch gemacht, oder?“

„Und was hat das jetzt wieder zu bedeuten?“

„Das kriegen wir sowieso nicht raus.“ Hunar schob Brimill und Askja vorwärts und zog Svala hoch. „Los jetzt!“

© Wiebke Salzmann; 2026