• Wiebke Salzmann

  • Text-Wirkerei

  • Wirken an Texten – Wirken von Texten

Die Krimikarte „Trommeln im Untergrund“

Die Schritte stoppten. Genau vor ihrem Versteck. Nur die Steinwand des Sarges, gegen die sie ihren Rücken presste, trennte sie von denen, die da draußen standen.

Das Cover zum Krimi 'Trommeln im Untergrund'

Zum 800-jährigen Jubiläum von Musing-Dotenow soll ein Umzug den Weg des Trommlers nachvollziehen, der vor langer Zeit in den unterirdischen Gängen unter der Stadt verschwand. Bei den Vorbereitungen wird Johanna Zeugin eines Mordes – doch dann verschwindet die Leiche. Johanna hat genau gesehen, wo sie versteckt wurde, und doch fehlt jede Spur von ihr.
Während Hauptkommissarin Katharina Lütten nach der Leiche sucht, begegnet Johanna den Mördern erneut und gerät unter der Erde in höchste Gefahr.

Krimikarte „Trommeln im Untergrund“ zur Sage um den verschwundenen Trommler aus Wismar

Klappkarte (6-seitig) im DL-Format mit Heft (48 Seiten) im DIN-A6-Format
5 € inkl. MwSt zzgl. Versandgebühr

Erhältlich im Shop

Die Krimis spielen an fiktiven Orten an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns, aber auch in diesem Krimi gibt es einen Bezug zum echten M-V: Die Sage um den in den unterirdischen Gängen verschwundenen Trommler stammt aus Wismar.

Die Sage um den verschwundenen Trommler von Wismar
Foto des Fürstenhofs in Wismar
Der Fürstenhof von hinten gesehen.
Ursprünglich war der Fürstenhof eine Sommerresidenz der mecklenburgischen Herzöge, der im 16. Jahrhundert in zwei Bauabschnitten errichtet wurde – das spätgotische Alte Haus und das Neue Haus im Renaissance-Stil.
Nach dem 30-jährigen Krieg (1648) fiel Wismar an Schweden und im Fürstenhof saß das höchste schwedische Gericht in Norddeutschland. Heute beherbergt der Fürstenhof das Amtsgericht Wismar.

Der Trommelschläger von Wismar

In der Nähe der Nikolaikirche in Wismar lag früher ein Franziskanerkloster. Dort begann ein geheimer Gang, von dem niemand mehr wusste, wohin er führte. Man vermutete, er würde an der Jacobikirche enden. Zu der Zeit, als Wismar zu Schweden gehörte, wurde ein Trommler vom schwedischen Gericht im Fürstenhof wegen eines schweren Verbrechens zum Tode verurteilt. Um nun Gewissheit über den Gang zu erhalten, bot man dem Trommler die Begnadigung an, wenn er das Ende des Ganges entdecken würde. Er sollte also im Franziskanerkloster den Gang betreten und ihn trommelnd entlanggehen. So geschah es auch. Oberirdisch verfolgte man den Klang der Trommel durch die ABC-Straße und die Altböterstraße bis zum Marktplatz. Doch dort, in der Nähe der Wasserkunst, verstummte die Trommel. Der Trommler wurde nie wieder gesehen. Daraufhin ließ der schwedische Stadtkommandant den Eingang des Tunnels im Franziskanerkloster verschließen, sodass bis heute niemand weiß, wohin er führt.

Franziskanerkloster und Jacobikirche in Wismar

Foto des Fürstenhofs in Wismar vor der St.-Georgs-Kirche
Blick vom Turm der Marienkirche in Wismar: Vorn der Fürstenhof, dahinter erhebt sich die St-Georg-Kirche

Das Wismarer Franziskanerkloster – auch Graues Kloster genannt, zur Unterscheidung vom Schwarzen Kloster der Dominikaner – wurde um 1250 gegründet und in Folge der Reformation bis 1540 aufgelöst. Danach wurde hier eine Lateinschule eingerichtet, die später Große Stadtschule hieß. Im 19. Jh. wurden die Klostergebäude abgerissen, die Klosterkirche riss man 1817.
Die auf dem Grundstück stehenden heutigen Schulgebäude der Geschwister-Scholl-Schule entstanden 1891/1892.

Wo die Jacobi-Kirche gestanden hat, habe ich nicht herausfinden können – weder hat Wismar heute eine Jacobikirche noch fand sich irgendein Hinweis auf eine frühere Kirche dieses Namens. Entweder geriet sie in Vergessenheit, hat nie existiert oder der Name beruht auf einem Schreibfehler.

Die Wasserkunst in Wismar
Foto der Wasserkunst auf dem Marktplatz von Wismar
Die Wasserkunst auf dem Marktplatz von Wismar.
Links hinter der Wasserkunst sieht man das „Alter Schwede“ genannte älteste Bürgerhaus Wismars aus dem Jahr 1380.

Die Wasserkunst in Wismar

wurde Ende des 16. Jahrhunderts erbaut und diente bis 1897 der Wasserversorgung von Wismar. Über einem unterirdischen Wasserreservoir wölbt sich die Kuppel des Brunnenhauses. Das Wasserreservoir wurde zunächst von den Metelsdorfer Quellen gespeist, zu einem kleineren Teil auch über die Grube (heute: Mühlenbach), ab 1715 dann von einem neu errichteten Wasserturm (heute als Alter Wasserturm bekannt). Von der Wasserkunst aus wurde das Wasser in 16 öffentliche Schöpfstellen und über 200 Häuser geleitet und stand der Bevölkerung dort zur Verfügung.

Foto des alten Wasserturms in Wismar
Der Alte Wasserturm in Wismar.
Der Alte Wasserturm war ein ehemaliger Wehrturm in der Stadtmauer, der am Mühlenbach lag bzw. liegt. Über ein von Pferden angetriebenes Göpelwerk wurde das Wasser nach oben befördert, von wo es dann mit ausreichendem Druck nach unten in die Leitungen fließen konnte.
Foto der  Frischen Grube in Wismar
Die Frische Grube in Wismar.
Auch die Grube speiste die Wasserkunst, sie führt Flusswasser aus dem Mühlenbach.
Frische Grube ist heute der Name der Straße parallel zum Gewässer, dem Mühlenbach.

Leseprobe aus dem Krimi „Trommeln im Untergrund“

Leseprobe aus dem Krimi „Trommeln im Untergrund“

Das Heftcover zum Krimi 'Trommeln im Untergrund'
Das Heftcover zeigt die Wismarer Nicolai-Kirche am Abend.

In vielen meiner Krimis treten dieselben Figuren auf – so auch in diesem. Die Hauptpersonen sind zwei Freundinnen Anfang 30: Die große, hagere Hauptkommissarin Katharina Lütten und die kleine, zierliche Freifrau Johanna (plus 6 weitere Vornamen) von Musing-­Dotenow zu Moordevitz. Beide bilden auf Schloss Moordevitz eine WG, betreut und bekocht vom „Hausdrachen“ Hertha.

„Ja, schön, der Blauton passt gut!“ Gerda sah mit zusammengekniffenen Augen nach oben, wo die Restauratorin auf der obersten Plattform des Gerüstes stand und konzentriert eine Mantelfalte malte.

„Hm.“ Hilde runzelte die Brauen. „Es ist aber nicht die Originalfarbe!“

Johanna schob die Hände in die Taschen ihrer Jacke. Diese Diskussion konnte länger dauern. Tante Hilde war Ortschronistin in Musing-Dotenow und es gab keine Sage und keine Geschichte der Umgebung, die sie nicht kannte. Tante Gerda war Chemikerin in der Kriminaltechnik gewesen, hatte aber zudem noch einige Semester Kunstgeschichte studiert. Und wenn sie sagte, dass der Blauton dem originalen Farbton sehr nahe kam, dann glaubte Johanna das. Außerdem kam es nicht nur auf Originaltreue an. Zusätzlich musste die Restaurierung der Klosterkirche auch im Rahmen der Summe bleiben, die sie ihren Kollegen im Vorstand der kleinen, aber feinen Privatbank derer von Musing-Dotenow zu Moordevitz abgeschwatzt hatte. Der Verein „Freundeskreis Klosterkirche Dotenow e. V.“ hatte gerade mal genug finanzielle Reserven, um die Plakate für die Einweihung drucken zu lassen.

Leise rhythmische Trommelschläge erklangen. Oh nein, jetzt nicht auch noch Tante Isolde.

„Ich spüre eine gewisse Disharmonie zwischen euch beiden.“ Isolde trommelte schneller, schloss die Augen und wiegte sich in ihrem orange-türkis-gemusterten Batikkaftan hin und her. Auch wenn Johanna stark bezweifelte, dass der Rhythmus für mehr Harmonie zwischen den beiden anderen Mitgliedern der Großtanten-WG sorgte – sie spürte, wie der Trommelklang ihre Muskeln flutete und wie ihr Körper ohne ihr Zutun anfing, sich im Trommelrhythmus zu bewegen.

Hilde schnaubte. „Was diese indischen Rhythmen mit der Sage um den Trommler aus der Schwe­den­zeit zu tun haben sollen, muss mir noch mal jemand erklären. Oder nein, ich will gar keine Er­klärung hören. Ich bin nur unter Protest damit einverstanden! Unter größtem Protest!“

„Tante Hilde“, begann Johanna, obwohl Hilde eigentlich gar nicht ihre Tante war – genauso wenig wie Isolde oder Gerda. Alle drei waren Großtanten ihrer Freundin Levke Sörensen und irgendwie mit Levkes verstorbener Großmutter verwandt. Schwester, Kusine, Schwägerin – die Einzelheiten konnte Johanna sich nicht merken.

„Beim Umzug kommen ja dann auch die Trommeln der Kapelle des Schützenvereins zum Einsatz. In original schwedischen Uniformen des 18. Jahrhunderts. Aber es ist doch eine gute Idee, für alle Geschmäcker etwas anzubieten. Und der Yoga-Kreis hat sich ausdrücklich für die indischen …“

Jetzt schnaubte Isolde. „Afrikanische!“

„… für die afrikanischen Trommeln ausgesprochen.“

Gerda hatte weiter die Arbeit der Restauratorin beobachtet. „Sie macht das wirklich gut. Ein Riesenglück, dass Frau Assmer bereit war, für diesen Hungerlohn für uns zu arbeiten. Deshalb würde ich es wirklich begrüßen, wenn hier niemand an ihrer Arbeit herummeckert.“ Sie warf Hilde einen strengen Blick zu, den diese schnaubend mit einem mindestens ebenso strengen Blick erwiderte.

„Dann sollten wir jetzt gehen und Frau Assmer in Ruhe weiterarbeiten lassen.“ Gerda wandte sich um und ging zum Portal der kleinen Kirche.

Das Franziskanerkloster, zu dem sie früher gehört hatte, war schon vor Jahrhunderten in eine Schule umgewandelt worden und erfüllte diese Funktion bis heute. Der Freundeskreis hatte sich kurz nach der Wende gegründet, um die Klosterkirche vor dem Verfall zu bewahren. Das war ihm auch leidlich gelungen. Aber erst zum nun bevorstehenden achthundertjährigen Jubiläum von Musing-Dotenow gab es endlich eine Finanzspritze aus der Stadtkasse, die es zusammen mit der Spende der Bank ermöglichte, die Kirche wieder in einen ansehnlichen Zustand zu versetzen. Sodass jetzt nicht mehr jeder Besucher befürchten musste, von Ziegeln oder Balken erschlagen zu werden.

Hilde, Isolde und Johanna folgten Gerda nach draußen in die Dunkelheit der Gasse. Johanna zog ihr Cape enger um sich. Ein kühler Wind blies, fuhr in ihre dunklen, glatten Haare und wirbelte ein paar Blätter auf.

„Ich würde gern noch einmal die Strecke ablaufen“, erklärte Hilde und zeigte in die Richtung, in der der Marktplatz von Dotenow lag.

Gerda und Isolde verdrehten die Augen.

„Hilde, wir sind die Strecke schon viermal abgelaufen. Wir könnten die im Schlaf gehen“, erklärte Gerda und wandte sich in die Richtung, in der die drei ihren roten Kleinwagen geparkt hatten.

Isolde war schon um die Ecke verschwunden, sodass jetzt Johanna ins Blickfeld von Tante Hilde geriet.

„So genau weiß doch ohnehin niemand, wo der Gang verläuft. Wenn es ihn denn überhaupt gibt“, wagte Johanna einzuwerfen.

„Der Gang“, stellte Hilde entschieden fest, „verläuft auf geradem Wege von der Kirche zur Wasserkunst auf dem Marktplatz und dann weiter zur Jakobikirche. Es ist überliefert, dass der Gang hier im Franziskanerkloster begann und dass die Trommelschläge bei der Wasserkunst auf dem Marktplatz verstummten.“

Johanna überlief es eiskalt – und das kam nicht vom Wind. Wie furchtbar, da unten in den *Gängen in lichtloser Kälte zu verhungern und zu verdursten. Schon vor Jahrhunderten wusste man in Dotenow von einem unterirdischen Gang, der im Franziskanerkloster begann. Doch niemand wusste mehr, wo der Gang endete. Als nun ein Trommler zum Tode verurteilt wurde, machte man diesem ein Angebot: Er sollte sein Leben behalten dürfen, wenn er in den unterirdischen Gang hinabkletterte und dessen Ende fand. So stieg er im Kloster in die Tiefe und wanderte trommelnd den Gang entlang, während ihm oberirdisch der Rat der Stadt folgte, immer dem Klang der Trommel nach – selbst die Namen der Straßen, denen sie folgten, waren überliefert. Aber das vermutliche Ende des Gangs bei der Jakobikirche hatte der Trommler nie erreicht. Unter dem Markt­platz hörte man ihn das letzte Mal trommeln. Dann herrschte Stille. Der Trommler blieb für immer verschwunden. Daraufhin ließ der schwedische Stadtkommandant den Eingang des Tunnels versperren, sodass bis heute niemand wusste, wo der Gang endete.

Johanna war heilfroh, dass Hilde nicht darauf bestanden hatte, den unterirdischen Gang zu suchen und trommelnd entlangzulaufen, wie der arme Verurteilte damals. Stattdessen sollten die Führungen oberirdisch dem überlieferten Verlauf des Ganges folgen – zumindest bis zum Markt­platz.

„Wir müssen uns noch mal ansehen, wo wir an der Wasserkunst die Lesung abhalten können. Ich möchte keinen hässlichen Bauzaun im Hintergrund haben“, insistierte Hilde.

Johanna seufzte. „Die Baugrube ist so groß, da sieht auf jeden Fall irgendjemand den Bauzaun im Hintergrund. Ursprünglich sollte der ja auch längst weg sein. Aber nun müssen wir damit klar­kommen.“

„Also lasst uns nach Hause gehen“, drängte Gerda. „Mir ist kalt, ich habe Hunger und Isolde sitzt schon im Auto.“

Johanna nickte. Dann wurde ihr bewusst, dass ihre beiden Hände in den Taschen steckten. Sollte heißen, keine der Hände hielt ihre Handtrommel. „Oh, wie blöd, ich hab mein Bodhran in der Kirche vergessen. Ich muss noch mal zurück.“ Sie hatte sich von der Nichte ihrer Mitbewohnerin eine irische Trommel geliehen, die immerhin vor Isoldes Augen Gnade gefunden hatte. Hilde hatte nur die Nase gerümpft, aber nichts gesagt. Auch Hilde war klar, dass sie jede trommelnde Unterstützung brauchen würden, wenn der Marsch auf den Spuren des Trommlers Erfolg haben sollte. Es gab tatsächlich unglaublich viele Anmeldungen, auch Johanna würde eine Gruppe anführen müssen.

„Dann warten wir …“, begann Gerda, aber Johanna winkte ab. „Danke, aber mein Auto steht eh ganz woanders, fahrt ihr man nach Hause. Schönen Abend noch!“

Foto: Nicolai-Kirche in Wismar'
Die Nicolai-Kirche in Wismar vom Turm der Marienkirche aus gesehen.

Johanna winkte den beiden noch zu, dann drehte sie sich um. Dunkel ragte die Westfassade der Klosterkirche vor ihr auf, nur die hell erleuchteten Fenster versprachen Wärme und Behaglichkeit im Inneren des Gemäuers. Wobei zumindest das Versprechen auf Wärme nicht gehalten wurde, wie Johanna vorhin schon bemerkt hatte.

Sie packte die riesige Klinke des Portals, drückte sie herunter und zog den Türflügel auf. Sie huschte hinein und schloss die gewaltige Tür wieder. Dann sah sie sich um. Das Gerüst war leer. Ina Assmer war wohl heruntergestiegen, um Werkzeug oder Farbe zu holen. Johanna ließ ihren Blick durch das Kirchenschiff schweifen. Wo hatte sie die Trommel zuletzt gehabt? Natürlich, bei der Probe im Chor. Sie lief hinüber, entdeckte sie auch sofort, griff den Beutel mit der Trommel, den sie wie einen Rucksack tragen konnte, und setzte sich ihn auf den Rücken. Dann verzog sie ärgerlich den Mund, der Schlägel lag noch auf der Bank, sie hatte vergessen, ihn in den Beutel zu stecken. Sie bückte sich, hob ihn auf und eilte zurück zum Kirchenportal. Es war wirklich kalt hier drin, auch wenn der Innenraum durch die Bemalung der verputzten Wände zwischen den aus roten Ziegeln gemauerten Säulen nicht mehr die düstere Wirkung einer Ruine hatte.

„Hände weg!“, schrie eine Frauenstimme von der Galerie herunter. „Lasst mich in Ruhe!“

Johanna stoppte, ihr Kopf fuhr nach oben. War das Frau Assmer? Johanna konnte oben hinter der Brüstung niemanden entdecken.

„Nicht, bis du ein neues Gutachten schreibst!“, brüllte eine Männerstimme.

„Das kann ich nicht! Euer Haus ...“ Ein dumpfer Schlag ertönte, die Stimme brach ab.

„Scheiße, Siggi, was hast du getan?“, kreischte eine zweite Männerstimme.

Johannas Herz klopfte bis zum Hals. Mit angehaltenem Atem verfolgte sie mit den Augen die Schritte, die jetzt über ihr die Galerie entlang tappten, begleitet von einem schleifenden Geräusch. Die Schritte näherten sich der Treppe am hinteren Ende.

Die Treppe! Oh Himmel, die würden gleich hier herunter kommen! Hastig lief Johanna zum nördlichen Querhaus und drückte sich hinter einen Pfeiler, presste sich an die Ziegel. Im Querhaus brannte kein Licht, sie hoffte, im Schatten der Säule nicht gesehen zu werden. Vorsichtig lugte sie hinter dem Pfeiler hervor.

Da, jetzt kamen zwei Männer die Treppe herunter, Johanna konnte nur die Oberkörper über dem Geländer erkennen, aber ihr Gang wirkte unsicher, stolpernd, als trügen sie etwas Schweres zwischen sich. Johanna versuchte, durch die Durchbrüche im Geländer der Treppe mehr zu erkennen. Sie presste sich die Faust auf den Mund, um das entsetzte Keuchen zu unterdrücken. *Die beiden schleppten den reglosen Körper von Ina Assmer.

War sie tot? Zumindest die beiden Männer schienen das zu glauben, so nachlässig, wie sie mit dem Körper umgingen. Unten angekommen, verharrten sie einen Moment.

„Wohin?“, fragte der, der Ina Assmers Füße hielt. Beide trugen dunkle Hoodys, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen.

„Da rüber! Ins Querhaus!“, erwiderte der andere.

Johanna sah sich um. Aber das Querhaus war leer, keine noch so kleine Bank, unter der sie sich hätte verstecken können. Wenn sie sich ganz hinten an die Wand in den Schatten drückte ...

Vor Erleichterung schloss sie einen Moment die Augen. Die beiden schlichen mit ihrer Last hinüber in das südliche Querhaus.

Klar, das machte Sinn. Im südlichen Querhaus war die Falltür in die Gruft. Die musste dringend noch abgesperrt werden, damit kein Jubiläumsbesucher dort hinunterfiel, aber noch war sie offen zugänglich.

Johanna beobachtete den Weg der beiden Männer. Dann hörte sie ein Knirschen und einen Knall.

„Pass doch auf, Herri! Die Misttür wär mir fast auf den Fuß gefallen!“, fluchte der eine.

„Stell dich nicht so an, hilf mir lieber, sie nach unten zu schaffen!“, antwortete der andere.

Stolpernde Schritte verschwanden nach unten.

Johanna lauschte. Sie zog ihr Handy hervor, wollte auf den Notrufbutton tippen, hielt aber in letzter Sekunde inne. Wenn sie jetzt telefonierte, würde das durch die ganze Kirche hallen. Warum konnte man in einem Industrieland wie diesem keine SMS an die 110 senden? Johanna musste erst aus der Kirche hinaus. Aber dann würde sie nicht mitkriegen, was die beiden machten. Dann tat sie eines der Dinge, die ihre Freundin und Mitbewohnerin Hauptkommissarin Katharina Lütten mal wieder zum Haare Raufen gebracht hätte.

Sie schlich um die Säule herum, eilte lautlos durch das Kirchenschiff hinüber zum südlichen Querhaus. Verborgen hinter einer Säule horchte sie kurz und spähte hinüber, wo die Falltür auf dem Boden lag und eine Öffnung freigegeben hatte. Hin- und herhuschendes Licht drang aus der Öffnung.

Johanna nahm ihren ganzen Mut zusammen und schlich hinüber. Lautlos ließ sie sich auf die Knie nieder, kroch näher an die Öffnung und spähte hinunter.

Unter ihr war ein großes rundes Becken in den Boden eingelassen, vermutlich eine alte Zisterne. Dahinter stand ein schmuckloser, quaderförmiger steinerner Sarg direkt an der Wand. Ein ebenfalls schlichter Deckel aus Stein lag darauf und verschloss ihn. Vor dem Sarg lag verkrümmt Ina Assmers Leiche.

Ihre beiden Mörder standen am Sarg, fassten den steinernen Deckel und begannen zu ziehen.

Der Stein gab ein widerwilliges Knirschen von sich, bewegte sich nur wenige Zentimeter.

„Nun streng dich doch mal an! Ich muss doch hier nicht immer alles allein machen!“

„Ich mach ja schon, das Ding ist verdammt schwer!“

Endlich gab der Deckel seinen Widerstand auf. Stein schleifte auf Stein und der Sargdeckel gab den Blick frei auf das Innere des Sarges.

„Das reicht, da kriegen wir sie durch!“, keuchte der eine, als der Deckel nur noch gut zur Hälfte auf dem Sarg lag. Der andere hörte sofort auf zu zerren und keuchte genauso.

Dann hoben sie den leblosen Körper auf, hievten ihn auf den Sargdeckel und schubsten ihn in den Sarg.

„So, und jetzt wieder zu ...“

Johanna schlug die Hände vor den Mund, um das Keuchen zu unterdrücken.

Ein hölzerner Aufprall, gefolgt von einem Klackern ließ den Mann verstummen. Johanna erschrak zu Tode, als sie ihren Schlägel auf dem Boden der Gruft aufprallen und wegrollen sah.

Dann blickte sie in die Augen der beiden Mörder, die zu ihr hoch schauten.

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